Drei Tage in Tibet

Für die Autonome Provinz Tibet wird ein Extra Permit benötigt und es sind nur geführte Touren möglich. Aber Tibet gibt es auch in anderen Provinzen. Xiahe liegt im Autonomen Bezirk Gannan in der Provinz Gansu, wird hauptsächlich von Tibetern bewohnt und ist bekannt für das tibetisch-buddhistische Kloster Labrang. Um etwas tibetische Luft zu schnuppern, wenn auch nur auf 2.800m Höhe, war dies daher mein nächstes Ziel.

Um dorthin zu kommen, musste ich erstmal einen Zwischenstopp in Xining einlegen. Ich suchte mir ein Hostel in der Nähe des Bahnhofs, damit ich meinen Bus in der Früh gut erreichen könnte. Die Bewertungen auf Booking.com sahen gut aus und ich lief zu der angegebenen Adresse. Dort konnte ich aber kein Hostel finden. Chinesische Adressen können manchmal etwas verwirrend sein, so dass ich bei anderen Bewohnern des Gebäudes nachfragte. Ich war richtig, aber das Hostel kannten sie auch nichht. Ich versuchte telefonisch jemanden zu erreichen. Die erste Nummer endete im Nichts und unter der zweiten erreichte ich eine Chinesin, die aber von dem Hostel ebenfalls nichts wusste. Ich musste mir daher spontan eine Alternative suchen.

Gleich im ersten Hotel, das in der Nähe lag, hatte ich Glück und man hatte noch ein Zimmer. Bis ich meinen deutschen Reisepass rüberreichte. „Ach so, wir nehmen keine Ausländer auf“, erklärte man mir daraufhin. Chinesische Hotels müssen besondere Auflagen erfüllen, wenn sie auch Ausländer aufnehmen, so dass die meisten nur Chinesen beherbergen. Hatte die Dame an der Rezeption tatsächlich gedacht, ich wäre Chinesin? Ich lief etwas weiter, bis ich wieder ein Hotel entdeckte. Diesmal erklärte man mir direkt, dass ich hier keine Chance auf ein Zimmer hätte. Dafür erhielt ich aber den Tipp, dass direkt nebenan auch Ausländer schlafen dürfen – Volltreffer.

Nach dem Check-In erkundete ich Xining. Die Bevölkerung ist mehrheitlich muslimisch, so dass das Straßenbild von Moscheen und Straßenständen mit muslimischen Essen geprägt ist. Buddhistische Mönche trifft man hin und wieder, da sie laut Reiseführer hier Einkäufe erledigen würden. Ich besorgte mir reichlich Snacks für die sechs Stunden Busfahrt am nächsten Tag und genoss den lauen Sommerabend.

Yak Joghurt ist typisches tibetisches Esse und kann man an jeder Straßenecke kaufen

Dann ging es weiter zu meinem eigentlichen Ziel. Xiahe liegt in einem Flusstal eingerahmt von Bergen. In der Mitte des Ortes liegt das tibetisch-buddhistische Kloster Labrang, in dem etwa 2.000 Mönche leben. Auf den Straßen tummelten sich die Mönche zwischen anderen Tibetern, Rucksacktouristen und vereinzelten Yaks. Auf Anhieb spürte ich die besondere Atmosphäre dieses Ortes. Rund um das Kloster führt die Kora, ein 3km langer Weg mit Gebetsmühlen, der von morgens bis abends von Buddhisten bewandert wird. Ich mischte mich unter das Gebetsvolk und drehte ebenfalls fleißig an den Mühlen. Ich hatte auch keine andere Wahl: Da das Kloster in der Mitte des Ortes liegt und man auf der Kora nur im Uhrzeigersinn läuft, musste ich drei Mal täglich das Kloster umrunden und ich entdeckte immer wieder Neues. Mal waren Mönche gerade am Sport machen, mal stand plötzlich ein Yak auf dem Weg und einmal wurde Essen an Betende ausgeteilt.

Ich unterschied zwischen drei Lagern der Betenden: Da sind die Entspannten, mit sich selbst und der Welt im Einklang Wirkenden, die wahrscheinlich gerade darüber nachdenken, was die Seele des Menschen ausmacht, während sie an einigen, aber längst nicht allen Mühlen drehen. Ihnen sehr ähnlich, aber nicht ganz so entspannt, sind die Gehetzten, die einen mit einem forschen Schritt überholen. Pausenlos murmeln sie irgendwelche Formeln, die ich nicht genau verstehen konnte, und sie lassen wirklich keine Mühle aus.

Die dritte Gruppe ist am auffälligsten: Sie drehen nicht an den Gebetsmühlen, sondern gehen mit langsamen Schritten 2m neben den Mühlen. Alle drei oder vier Schritte werfen sie sich zu Boden, strecken ihre Arme aus und stehen dann wieder auf. Man nennt das Body Praying, aber es kam mir eher vor wie Bodybuilding Praying. Schließlich machen sie im Grunde ziemlich viele Burpees. Bei einer durchschnittlichen Schrittlänge von 70cm und davon ausgehend, dass sie mit dem zu Boden werfen, einen überdurchschnittlich langen Schritt machen, kommen sie locker auf 750 Prayer Burpees. Zusätzlich gibt es noch Stationen vor den Tempeln und den beiden Stupas, bei denen sie stehen bleiben, um auf der Stelle weitere Prayer Burpees zu absolvieren. Ich sah eine Frau aus dieser Kategorie, die bereits recht erschöpft war, als ich sie überholte. Danach ging ich in einen Tempel, holte mir etwas zu essen, machte eine Pause auf einer Bank und dann überholte mich die Frau wieder. Zwischen unseren beiden Treffen war mindestens eine Stunde vergangen und sie sah nicht so aus, als ob sie demnächst fertig wäre. Es gibt keine Regeln, wer auf welche Art zu beten habe und auch nicht, wie häufig man dem nachgehen muss, erklärte mir ein Mönch auf der Tour durch das Kloster. Die Bodybuilding Prayer machen das alles also absolut freiwillig.

Man kann das Innere nicht individuell betreten, sondern nur im Rahmen einer geführten Tour, bei der man einige Tempel und Colleges besucht. Der Mönch sprach sehr gutes Englisch, hatte aber ansonsten mit einem klassischen Tour Guide recht wenig gemeinsam. Denn statt uns Dinge zu erklären, bombardierte er uns mit Fragen. Woran machen wir fest, dass wir eine Person wären? Wann beginnt unser Leben? Was ist ein Buddha? Die Gruppe tat ihr Bestes, Antworten zu geben mit allerlei schlauen Ansätzen, auf die er aber jeweils ein paar Einwände entgegenzusetzen wusste.

Unser Tour Guide, studiert seit 23 Jahren Philosophie und kommt laut eigener Aussage der Glückseligkeit immer näher

Mir brummte der Schädel von all dem Philosophieren und außerdem knurrte der Magen. Ein leerer Magen studiert nicht gerne. Ich wollte also erstmal etwas essen gehen, um anschließend gestärkt über seine Fragen nachzudenken. Im Restaurant setzte sich der Besitzer zu mir und lud mich auf ein, zwei, drei Drinks ein. Er sprach gut Englisch und wollte mit mir noch etwas üben. Voller Stolz erklärte er mir alles über das Craft Beer aus Shangri-La, ebenfalls eine tibetische Region, und präsentierte später noch chinesischen Reiswein. Antworten auf die Fragen des Mönchs konnte er mir leider auch nicht geben, aber dafür einige Informationen über Tibet. Als ich am nächsten Tag im Bus Richtung Lanzhou saß, brummte der Schädel immer noch – diesmal aber nicht aufgrund der philosophischen Fragen.

Falls ihr euch nach diesen Ausführungen fragt, was den tibetischen Buddhismus im Vergleich zu anderen buddhistischen Richtungen ausmacht, möchte ich einen kurzen Rückblick nach Dunhuang machen. Bei den Grotten fragte ich den Guide, ob sie mir den Unterschied zwischen der chinesischen und tibetischen Richtung in einem Satz sagen könnte. Keine einfache Frage, aber sie hatte eine recht eingängige Antwort darauf: „Die tibetischen Buddhas sind häßlich. Sie haben mehrere Arme und schauen grimmig.“ Ich bin nicht ganz sicher, ob sie das vollkommen ernst meinte oder ob eventuell ihre Englisch-Kenntnisse für eine komplexere Differenzierung nicht ausreichten. Richtig ist, dass ich im Kloster einige Buddas mit mehreren Armen sah, aber längst nicht alle. Und einen grimmigen Eindruck machte niemand auf mich. Die Unterschiede scheinen doch etwas schwieriger zu erfassen zu sein, aber da ich sicherlich noch ein paar Tempel in China besuchen werde, bleibt mir auch noch etwas Zeit, um das näher zu ergründen. Fortsetzung folgt…

Oasen entlang der Seidenstraße

Aus den Läden erschallte arabische Musik, die Männer trugen lange Bärte und am Horizont konnte man die Wüstenlandschaft deutlich erkennen. Vieles erinnert einen hier mehr an den Mittleren Osten als an China. Die Schriftzeichen in Turpan, meiner nächsten Station entlang der Seidenstraße, waren jedoch mehrheitlich chinesisch. Der Ort ist bekannt als das Death Valley von China. Der tiefste Punkt liegt 150m unter dem Meeresspiegel und ringsherum ist Wüste. Da es aber einen kleinen Fluss sowie ein Wasserreservoir gibt, entwickelte sich hier ein Zwischenstopp auf der Seidenstraße.

Über diese Handelsrouten wurden früher nicht nur Seide, Schießpulver oder Gewürze gehandelt, sondern es gelangten auch zunächst der Buddhismus und später der Islam nach China und Wissen wurde ausgetauscht. Das schürte natürlich auch Probleme, wie wir sie heute von der Globalisierung kennen. Fun Fact: Seide wurde auch als Währung genutzt. Die Produktion von Geldmünzen war extrem aufwändig, das Herumtragen großer Mengen außerdem unpraktisch. Daher wurden Soldaten zum Teil mit Seide bezahlt.

Mein neuer Weggefährte Jonathan war schon in Turpan und wir trafen uns mittags, um als erstes ein Minarett zu besichtigen. Wir schafften es, vor einer chinesischen Reisegruppe dort anzukommen, so dass wir den Ort für eine halbe Stunde komplett für uns hatten.
Anschließend machten wir uns auf den Weg zu einer Ausgrabungsstätte, Jiaohe, die etwas außerhalb liegt. Zunächst fuhren wir mit einem lokalen Bus bis zur letzten Station. Dann liefen wir ein Stückchen und versuchten auf dem Weg entweder ein Taxi oder ein anderes Auto anzuhalten. Es dauerte nicht lange und wir wurden von einem freundlichen Chinesen 1km gefahren, bevor wir einen weiteren Chinesen anhielten, der uns bis zum Besucherzentrum brachte. Dort erfuhren wir, dass die Ausgrabungsstätte die älteste, am besten erhaltene und überhaupt großartigste der Welt wäre. Wie gut, dass ich einen Abstecher hierher eingeplant hatte. Die Ruinen war nicht ganz so beeindruckend wie angepriesen, erinnerten mich mit der sengenden Sonne jedoch an Petra in Jordanien. Tatsächlich sind beide Städte fast zur gleichen Zeit entstanden – ihre Geschichte ist schließlich jeweils eng mit der Entwicklung der Seidenstraße verbunden. Jiaohe wurde jedoch aus Lehm aufgebaut, was nicht ganz so wetterresistent ist wie die Bauweise der Nabatäer.

Die schönste Ausgrabungsstätte der Welt
80% der Rosinen aus China werden in Turpan angebaut. Wein wird ebenfalls hergestellt – sicherlich der beste der Welt

Am Abend widmeten wir uns unserer neuen Lieblingsbeschäftigung: Streetfood-Tasting. Wir starteten mit Gemüse- sowie Fleischspießen und machten jede Menge Photos bei der Zubereitung, die wir als sehr unterhaltsam empfanden. Die Köchin wiederum empfand unsere Begeisterung als sehr unterhaltsam, so dass wir schnell Kontakt knüpfen konnten. Nach diesem Appetizer gönnten wir uns noch Nudelsuppe an einem anderen Stand. Auch hier war die Zubereitung selbst spektakulär zu beobachten. Die Nudeln wurden frisch hergestellt und mit einer filigranen Technik zu einer langen, sehr dünnen Nudel gezogen, die nach dem Kochen etwas kleiner geschnitten wurde. Dass alles frisch war, schmeckte man auch. Wir waren uns schnell einig, dass dieser Koch mit seiner Technik in den USA und Deutschland prall gefüllte Restaurants eröffnen und Nudelsuppe für 15 Euro verkaufen könnte. In Turpan kostete es uns knapp einen Euro inkl. Tee.

Am nächsten Tag ging es weiter entlang der Seidenstraße nach Dunhuang. Die Fahrt führte durch eine karge Wüstenlandschaft mit unzähligen Windkraftanlagen. In der Provinz Xinjiang liegen 20% der Energiereserven des gesamten Landes. Es liegt an erster Stelle hinsichtlich fossiler Energieträger und an zweiter Stelle hinsichtlich der regenerativen Energiequellen Wind und Sonne. Im letzten Fünfjahresplan der Regierung in Peking wurde beschlossen, 100 Milliarden USD in den Bau von Windkraftanlagen zu investieren. Davon ist sicherlich ein Großteil in den Nordwesten geflossen.

Dunhuang ist eine weitere Oase, die einst von Händlern als Zwischenstopp genutzt wurde. Als Mönche den Buddhismus nach China brachten, wurde Dunhuang schnell eines der Zentren dieser neuen Religion. Um Glück für Handelskarawanen sowie das eigene Leben bzw. die späteren Leben zu erhalten, schlugen die Bewohner von Dunhuang insgesamt rund 500 Höhlen in einen Berg und verzierten diese aufwändig mit Wandmalereien und Buddha Statuen – darunter auch mit 34,5m die zweithöchste der Welt. Die Mogao Grotten sind inzwischen ein Hauptanziehungspunkt für chinesische Touristen und wurden von der UNESCO Weltkulturerbe als ausgezeichnet.

Die Höhlen sind tatsächlich sehr eindrucksvoll und da sie insgesamt über einen Zeitraum von ca. 800 Jahren erbaut wurden, spiegeln sie unterschiedliche Epochen wieder. In manchen Dynastien waren sehr schlanke Buddhas en vogue, während sie in anderen Dynastien wohlgenährter ausfallen. Unser Tour Guide erklärte einem Ehepaar aus Singapur und mir all diese Einzelheiten. Ohne Guide ist das Betreten der Grotten nicht erlaubt genauso wenig wie das Aufnehmen von Photos.

Wandmalerei an der Außenfassade. In dem Stil, aber besser erhalten, sind die Höhlen verziert

Grenzerfahrungen

Die Zugfahrt von Almaty nach Ürümqi dauerte ca. 26 Stunden – davon 8 Stunden von Almaty zur chinesischen Grenze, 4 Stunden Sicherheitskontrolle, 3 Stunden Aufenthalt am netten Grenzort und weitere 11 Stunden von der Grenze nach Ürümqi. Ich hatte bei meiner Reisevorbereitung gelesen, dass dies die einfachste Möglichkeit wäre, die Grenze zu überqueren – sofern man nicht fliegt – und es verlief auch tatsächlich sehr entspannt. Noch vor Abfahrt lernte ich am Bahnhof meinen Roomie kennen: Jonathan aus Texas hat gerade das College abgeschlossen und reist derzeit für fünf Monate durch Europa und Asien. Der erste Teil der Fahrt war ansonsten recht unspektakulär. Die Landschaft um uns herum sah immer gleich aus: flaches Land, im Hintergrund Berge. Den Fortschritt konnte man nur erkennen, wenn man auf maps.me den Standort verfolgte.

An der Grenze wurden wir zunächst von den kasachischen Beamten befragt, bevor wir auf chinesischer Seite aus dem Zug aussteigen sollten. Erste Überraschung: Im gesamten Zug saßen lediglich 8 Passagiere. Ein älteres Ehepaar aus London, ein Singapurer auf Tour von Europa nach Hause, zwei Niederländer, die für ein Jahr die Welt bereisen, ein Chinese, Jonathan und ich. Die Beamten nahmen sich für jeden von uns ausreichend Zeit. Nachdem alle Formalitäten geklärt waren, schlug der Chinese vor, dass wir in ein Restaurant in der Nähe gehen könnten. Wir waren alle hungrig und die Aussicht, sich vor der Weiterfahrt die Füße zu vertreten, begeisterte uns sofort. Da wir noch keine Yuan hatten, wollten wir als erstes bei einem Geldautomaten stoppen. Nur leider funktionierte der Automat nicht. Besorgnis machte sich breit, aber der Chinese ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen und führte uns zu dem Restaurant, wo er sich direkt um die Bestellung kümmerte. „Ich lade euch ein. Kein Problem“, meinte er. „Xie xie“, konnten wir bereits sagen und freuten uns dann darüber, den Köchen bei der Arbeit zusehen zu können. Zunächst wurden die Nudeln lang geschlagen, danach auseinander geschnitten und dann frisch zubereitet. Die ganze Gruppe war etwas skeptisch gewesen, ob uns China wohl gefallen würde, aber dieses erste Erlebnis wischte sämtliche Zweifel hinweg. Nach dem Essen ging es wieder zurück zum Bahnhof und anschließend rollte der Zug weiter nach Ürümqi. Die Fahrt ging über Nacht, war absolut ruhig und wir haben satt und zufrieden geschlafen.

Unsere kleine Reisegruppe
Die Nudeln werden vorbereitet

Ürümqi ist die Hauptstadt der Region Xinjiang und mit 3,1 Millionen Einwohnern auch die mit Abstand größte Stadt in diesem Teil des Landes. Es ist in erster Linie eine Business Stadt, in der sich ein Bürogebäude an das nächste reiht. Jonathan und ich hatten beide eingeplant, die Stadt tagsüber zu besichtigen, und taten uns schnell zusammen. Zunächst probierten wir uns durch das Street Food Angebot, das eine Mischung aus zentralasiatischen und chinesischen Köstlichkeiten bot. Anschließend wollten wir dem regionalen Museum einen Besuch abstatten. Wir brauchten etwas, um uns im Gewirr der Straßen und Gehwege, die immer mal wieder unerwartet endeten, zurechtzufinden. Ungefähr 40 Sicherheitskontrollen später, die an allen markanten Punkten vorgenommen wurden, erreichten wir das Museum und entdeckten dort Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in den Werkzeugen der Steinzeitmenschen zwischen Xinjiang und dem Rest der Welt oder im Bau von Yurten. Außer dass man hier irgendwann angefangen hat, mit Stäbchen zu essen, gab es erstaunlich viele Parallelen.

Auf dem Weg zurück machten wir Stopp bei einem Park mit einem Aussichtshügel, der einen schönen Blick über ganz Ürümqi bietet. Das Panorama wurde dominiert von Hochhäusern – älteren Hochhäusern, neuen Hochhäusern und Hochhäusern im Bau. Überhaupt hatten wir den Eindruck, dass hier vieles neu aufgebaut wird. Das hat zwei Gründe: Zum einen mögen Chinesen gerne neue Dinge und bauen daher alte Häuser lieber neu auf, als sie zu renovieren. Zum anderen ziehen viele Han Chinesen derzeit in die Region. Ihr Bevölkerungsanteil steigt dadurch, während der Anteil der derzeit noch am stärksten vertretenen Bevölkerungsgruppe, der Uiguren, sinkt.

Okay, das war wirklich scharf
Mein geliebtes Nan gab es auch mit Füllungen – deftig oder süß

Am nächsten Morgen verließ ich Ürümqi mit dem Zug Richtung Turpan. Ich hatte eingeplant, anderthalb Stunden vor Abfahrt am Bahnhof zu sein – eine weise Entscheidung. Die Sicherheitskontrolle wurde auch hier sehr gewissenhaft durchgeführt. Auf dem Scanner entdeckte eine Beamtin zwei Messer in meinem Gepäck. Nachdem wir das erste zügig fanden, suchten wir nach einem zweiten. Ich versuchte, ihr zu vermitteln, dass ich kein weiteres Messer dabei hätte, und präsentierte ihr alles, wovon ich annahm, dass sie es als suspekt betrachteten: Münzen, eine Nagelfeile, meine Schlüssel. Mir gingen allmählich die Ideen aus, aber ihr nicht die Ausdauer. Wir gingen also jedes Fach meines Rucksacks durch und drehten jede Unterhose um. Als sie nicht fündig wurde, übernahm ihre Kollegin, die wiederum nach einer Weile eine weitere Kollegin hinzuzog. Der Rucksack wurde immer wieder gescannt, um das vermeintliche Messer besser lokalisieren zu können. Am Ende wurde ein weiterer Kollege dazugeholt, der gut Englisch sprach, und mich nochmal nach Messern befragte. Als ich verneinte, war ich endlich entlassen und durfte zum Gleis gehen. Im Hostel in Turpan erklärte man mir, dass die Kontrollen dieses Jahr besser geworden wären. Letztes Jahr hätte es mehrere Stationen mit Kontrollen gegeben, bei denen immer wieder alles durchsucht worden wäre. Insofern kann ich mich glücklich schätzen, dass es so einfach lief.

Dieser Teil einer Moschee ist inzwischen ein Supermarkt

Sowjetische Architektur, zentralasiatische Küche und europäisches Flair

„In welcher anderen Stadt kann man Nachmittags Ski fahren und am Abend des gleichen Tages ins Ballett gehen?“, fragt eine Dame in einem Werbevideo in der Tourist Information in Almaty. Nun ja, eine andere Stadt fällt mir da schon ein… Aber die Botschaft ist klar: Almaty bietet eine hohe Lebensqualität. Nach insgesamt vier Tagen Aufenthalt kann ich das bestätigen.


Ich nahm mir zunächst Zeit, um die Stadt zu erkunden. Die Sowjet Architektur dominiert das Straßenbild. Dazwischen gibt es immer mal wieder eine Moschee oder eine orthodoxe Kirche zu sehen. Im Zentrum reiht sich ein Restaurant an das nächste. Man findet russische Küche, chinesische, georgische und natürlich auch kasasische. Hierin spiegelt sich der kulturelle Mix der Region wieder. Kasachstan Nomadenkultur ist nicht so gut sichtbar wie in Kirgisistan. Stattdessen sind die Einflüsse aus der Zeit der Sovietunion deutlich leichter zu erkennen sowie Einflüsse aus China und dem Nahen Osten, die über die Seidenstraße in die Region gekommen sind. Und natürlich spielt der Westen eine immer stärkere Rolle. Coffee Shops sind im Straßenbild fest etabliert und Starbucks hat ein paar Filialen eröffnet, was meistens ein Zeichen dafür ist, dass es genügend aufstrebende, wohlhabende Menschen in der Stadt gibt. Die Bevölkerung ist mit 70% mehrheitlich kasachisch, 15% russisch und 9% uigurisch. Uiguren sind aus China eingewanderte Muslime, die vor allem für Laghman bekannt sind.

Almaty ist die größte Stadt Kasachstans mit 1,5 Millionen Einwohnern, aber der Straßenverkehr fließt aufgrund der breiten Straßen ruhig dahin. Ich habe zu keiner Zeit auch nur irgendwo einen Stau gesehen. Aber auch hier hatte ich leider Pech mit den Museen. Ich hätte mir gerne das Central State Museum of Kazakhstan angesehen, das einen Überblick über die Geschichte des Landes gibt. Nur leider war es aufgrund von Ferien nicht geöffnet. Stattdessen musste ich eine Walking Tour mit App Audio Guide machen, die mir mehr oder weniger relevante Informationen vermittelte. So erfuhr ich, dass der Bau der U-Bahn 1988 begonnen, aber zwischendurch immer wieder gestoppt wurde, bis 2011 die erste U-Bahn fuhr.

Die Dame im Werbevideo berichtete außerdem von der Schönheit der nahgelegenen Berge im Sommer. Das wollte ich mir näher anschauen und fuhr mit dem Bus eine halbe Stunde zum Ile-Alatau Nationalpark, um wandern zu gehen. Kaum war ich aus dem Bus ausgestiegen, lernte ich einen Kanadier kennen, der meine Wanderbegleitung für den Tag wurde. Steve und ich liefen an einem Fluss entlang, überquerten ihn auf Baumstämmen, stiegen über Baumstämme drüber oder drunter durch und suchten uns unseren Weg durch das Dickicht.

Kurzum, wir hatten den eigentlich Wanderweg recht schnell verloren und unser Pfad endete nach und nach. Wir mussten also umkehren und liefen dann noch auf dem richtigen Wanderweg Berge rauf und runter – diesmal aber ohne Baumstämme. Nach zwei Stunden erreichten wir Kok Jailoo eine Sommerweide, von der man einen schönen Ausblick auf die umliegenden Berge hat. Die Kasachen breiteten ihre Picknickdecken aus oder bauten Zelte auf. Manche schleppten so viel Ausrüstung den Berg hoch, dass man denken konnte, sie wollten dort eine Woche bleiben.

Auch am nächsten Tag unternahm ich erneut eine Wanderung im Nationalpark. Diesmal startete ich eine Bushaltestelle später und meine Wanderbegleitung war Kasache. Es gelang uns problemlos auf dem richtigen Weg zu bleiben, der uns zu zwei Wasserfällen führte. Auch hier trafen wir auf Familien beim Picknick. Offensichtlich liebt dieses Volk das Picknicken und schon die Kleinsten laufen dafür bereitwillig stundenlang bergauf. Ich habe jedenfalls kein Kind gesehen, dass getragen wurde oder sich beschwerte.

Kok Jailoo
Baidat, hört gerne Rammstein

Nach zwei Tagen Wandern wollte ich meinen Beine am Abend vor der langen Zugfahrt nach China noch etwas Erholung geben und ging ins Arasan Spa. Als ich mein Ticket kaufte, fragte man mich, ob ich ein Handtuch dabei hätte. „Ja, habe ich“, sagte ich. „Aber es ist recht klein“, fügte ich hinzu, weil ich nicht ganz genau wusste, wie man in einer kasachischen Sauna herumläuft. Das wäre kein Problem, meinte er und ich konnte reingehen. Das Spa ist in separate Bereiche für Männer und Frauen aufgeteilt. Ich zog mich um und ging nur mit meinem kleinen Handtuch halb bedeckt los Richtung Sauna, als ich von einer Badedame aufgehalten wurde. Sie sprach auf kasachisch oder russisch – ich kann das nicht immer unterscheiden – auf mich ein. Ich verstand kein Wort, aber irgendetwas schien nicht zu stimmen. Meine erste Annahme war, dass man nicht nackt ins Bad geht. Ich zog also meinen Bikini an und versuchte es noch einmal, aber das war offensichtlich nicht das Problem. Nach ein paar Minuten weiteren Einredens verstand ich, dass ich das Handtuch auf dem Kopf tragen müsste. Ich band es mir also wie einen Turban um den Kopf und konnte damit in den Saunabereich.
Das funktionierte natürlich nur so halb. In der Sauna setzte ich mich auf das Handtuch und danach wollte ich es nicht mehr auf den Kopf setzen, sondern hielt nur Ausschau, ob die Badedame in der Nähe wäre. Um mich herum waren nur Kasachinnen, die alle eine Kopfbedeckung dabei hatten. Am populärsten war ein Hut aus Filz, den es in verschiedenen Formen gab. Manche trugen auch einfache Badekappen. Beim Duschen wurden die Kopfbedeckungen nass gemacht, so dass sie in der Sauna dafür sorgten, dass der Kopf nicht überhitzt. Obwohl ich meinen Kopf ungekühlt hielt, bekam ich keine Probleme. Es gab eine Finnische Sauna, ein Russisches Dampfbad und ein Türkisches. Dazu einen sehr schönen Pool, in dem man sich zwischen den Saunagängen abkühlen konnte.

Meine Reise in Kasachstan endete damit in Almaty. Am nächsten Morgen nahm ich den Fernzug nach Ürümqi in China. Von Kasachstan habe ich nur einen kleinen Ausschnitt bereist, aber dieser hat mir gut gefallen. Es gibt sehr viel Natur zu entdecken mit unterschiedlichen Landschaften und die Städte sind aufgeräumt und haben eine entspannte Atmosphäre. Die Menschen, die ich kennengelernt habe, waren freundlich. Nur eines möchte ich nicht unerwähnt lassen: dass Kasachen gerne vordrängeln. Vor allem ältere Damen sind Meisterinnen in diesem Sport. Sie drängen sich an einem vorbei, strecken dann ihren Arm so aus, dass man nicht an ihnen vorbeikommt oder nutzen ihre spitzen Ellbogen zur Abwehr möglicher Gegenangriffe. An der Grenze, beim Kaufen von Fahrkarten oder auch an einem Imbissstand – überall wurde ich zunächst von ihnen abgedrängt. Von diesen Erlebnissen abgesehen werde ich Kasachstan aber als ein sehr freundliches Land in Erinnerung behalten.

In Kasachstan isst man Plov
… oder Chinesisch

Work in progress

Von Almaty aus nahm ich den Nachtzug ins 600km westlich gelegene Shymkent. Die Stadt ist mit 1 Million Einwohnern die drittgrößte des Landes und war einst eine bedeutende Station auf der Seidenstraße. Die Zugfahrt war erstaunlich komfortabel: Ich teilte mir ein 4er Schlafabteil mit zwei Kasachen. Es gab kostenlos frisches Trinkwasser, die Zug Mediathek bot allerlei Filme in ruckelfreier HD Qualität, aber nur auf Russisch, an und in der Nacht war es absolut ruhig. Entsprechend ausgeruht kam ich in Shymkent an.

Als erstes besuchte ich die Mausoleen in Sayram. Früher war Sayram die bedeutendere Stadt, aber inzwischen handelt es sich nur noch um einen Vorort, den man mit lokalen Bussen schnell erreicht. Die Mausoleen waren wie erwartet sehr alt und die Freitagsmoschee machte einen sehr ruhigen Eindruck auf mich. Interessanter fand ich hingegen die Infrastruktur: Asphaltierte Straßen sind hier Fehlanzeige. Der Anteil klappriger Autos liegt bei über 50%.

Als ich am Nachmittag das Zentrum von Shymkent besuchte, musste ich meinen Eindruck jedoch sofort um 180° drehen. Hier reiht sich ein Coffee Shop an den nächsten, statt klappriger Autos fahren neue SUVs durch die Straßen und alles ist sauber. Es gibt mehrere Parkanlagen, in denen die Bevölkerung Sport treibt und Schach spielt. Man fühlt sich wie in einer modernen Großstadt. Es gibt offensichtlich eine große Schere zwischen Stadt und Land.

Kasachstan ist riesig, so dass es schwierig ist, die Infrastruktur für Wasser, Strom, Bildung etc. auch auf dem Land aufzubauen. Junge Menschen zieht es in die Städte, wo sie Arbeit finden und einen westlich geprägten Lifestyle verfolgen.

  • Arbeitslosigkeit in Kasachstan: 5%
  • Arbeitslosigkeit in Kirgisistan: 7%
  • Armutsrate in Kasachstan: 4%
  • Armutsrate in Kirgisistan: 26%

Die Wirtschaft Kazachstans hat sich in den letzten Jahren aufgrund der Uran-, Gas- und Ölreserven prächtig entwickelt, mit jährlichen Wachstumsraten von etwa 4%. Es geht dem Land wirtschaftlich deutlich besser als Kirgisistan. Gefördert wird das zukünftige Wachstum durch die Erschließung weiterer Ölreserven und auch in die Infrastruktur wird kräftig investiert. Das soll auch den Tourismus fördern. Dass Kasachstan 2017 die visafreie Einreise für zahlreiche Länder eingeführt hat, war ebenfalls ein Schritt in diese Richtung. Viele Kirgistan-Touristen fliegen nach Almaty, verbringen dort ein paar Tage und reisen dann weiter nach Kirgisistan.

Ein weiterer touristischer Hotspot soll Türkistan werden, eine der ältesten Städte Kasachstans und berühmt für das Mausoleum von Hodscha Ahmad Yasawi. Manche nennen es gar das Mecca von Zentralasien. Die natürlich türkise Kuppel des Mausoleums glänzte in der Sonne, als ich mit der Marshrutka von Shymkent kommend daran vorbeifuhr. Ich stieg aus und suchte den Weg zu dem UNESCO Weltkulturerbe, in dem der kasachische Khan 1781 beigesetzt wurde und das in Teilen unvollendet geblieben ist. Ich konnte die Kuppel zwar sehen, aber vor mir lagen überall Bauzäune. Die Straßen werden wohl neu gebaut. Es dauerte eine Weile, bis ich den Eingang fand und einem sandigen Pfad zum Mausoleum folgte. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich die einzige westliche Touristin war. Überhaupt sah ich zunächst gar keine anderen Touristen. Die zweite Kuppel des Mausoleums wird gerade renoviert, aber ansonsten ist das Bauwerk mit dem bunt gestalteten Mauern wirklich beeindruckend.

Da ich mit Shorts und T-Shirt nicht ganz passend gekleidet war, verzichtete ich auf einen Besuch drinnen. Ich wollte mir stattdessen noch ein paar andere Sehenswürdigkeiten ansehen, die sich hier befinden sollten, und verschaffte mir daher einen Überblick über die Umgebung. Ich sah: Baukräne. Egal, wohin ich schaute, überall lag entweder Bauschutt oder bereits das Grundgerüst für ein neues Gebäude. Auf Plakaten sah ich Entwürfe von neuen Theatern, Hotels, einem Besucherzentrum und so weiter. Ein interessanter Mix aus orientalischen Elementen und moderner Architektur wird hier gerade errichtet. 2 Milliarden USD investiert Kasachstan im ersten Schritt in dieses Projekt, das Türkistan zum neuen kulturellen Zentrum von Zentralasien machen soll.

Ich lief zunächst den kurzen Weg zur Maszhid Khudzha Akhmad Yassavi Moschee, die bereits fertig gestellt ist. Nach einem kurzen Spaziergang rundherum entdeckte ich eine kleine Cafetaria, in der es Samsa, Kaffee und Tee gab. Ich holte mir einen kleinen Imbiss und setzte mich zu den Bauarbeitern, die hier gerade ihre Mittagspause machten. Nach der Stärkung schaute ich mir noch das Museum von Türkistan an, in dem allerlei Tonkrüge und die Bewaffnung kasachischer Krieger ausgestellt sind. Auch einem kasachischem Olympiasieger im Boxen, Beksat Sattarchanow, ist eine Ecke gewidmet.

Ich beschloss, zum Abschluss noch ein Getränk in einem Restaurant zu mir zu nehmen – vor allem um an etwas Kleingeld für den Bus zu kommen. Die Bedienung brachte mir eine Speisekarte auf Kasachisch, geschrieben in kyrillischen Buchstaben. Es brauchte eine Weile, bis ich mich zurechtfand und Bananen-Milchshake entziffern konnte, was ich dann auch bestellte. Das ist nicht ungewöhnlich: In den meisten Restaurants gibt es keine Speisekarten auf Englisch und die Bedienungen können in der Regel kein oder nur wenig Englisch, auch wenn sie jung sind.

Insgesamt gesehen war mein Ausflug nach Türkistan aber etwas enttäuschend. Ich hatte mir mehr erhofft von der Stadt, die überall für ihre Geschichte gelobt wird. Das meiste, was ich sah, war jedoch ein Ausblick auf die Zukunft. Angesichts der vielen Baustellen erscheint es mir fraglich, bis wann das Projekt beendet sein wird. Die kyrillische Schrift soll bis 2025 durch die lateinische abgelöst werden. Bis dahin sind eventuell bereits ein paar Gebäude fertiggestellt, so dass sich die zukünftigen Touristen mehr anschauen können und es bei der Bestellung im Restaurant leichter haben werden. Vielleicht komme ich dann auch nochmal wieder. Von Shymkent nahm ich am nächsten Tag den Nachtzug zurück nach Almaty, weil ich von dort aus den Fernzug nach Urumqi in China nehmen wollte.

Einen Basar gibt es in Shymkent natürlich auch
Feiertag – da kann man die Füße hochlegen
Denkmäler für gefallene oder herausragende Soldaten gehören in jede kasachische Stadt

Vom Grand Canyon in die Alpen

Es waren Bilder von schönen Schluchten und grandiosen Gebirgsseen von anderen Travellern, die mich nach Kasachstan gelockt haben. Denn ursprünglich wollte ich lediglich Almaty bei der Durchreise nach China besuchen. Nun habe ich etwa anderthalb Wochen im neuntgrößten Land der Welt eingeplant. Nachdem ich mit der Marshrutka in Almaty angekommen war, machte ich direkt eine Tour zum Charyn Canyon und mehreren Seen ausfindig. Normalerweise unternehme ich diese Ausflüge lieber auf eigene Faust, aber ich hatte auf einigen Blogs gelesen, dass man mit Öffentlichen Verkehrsmitteln nur sehr umständlich dorthin kommt und außerdem einen Großteil der Fahrt eh mit dem Taxi bestreiten muss. Die Tour erschien mir daher als eine angenehme Lösung.

In der Früh fuhren wir von Almaty etwa drei Stunden zum Charyn Canyon. Wir, das war eine kleine Gruppe mit zwei Guides aus Kirgisistan, einem Polen, einem Koreaner und mir. Der Koreaner redete ohne Pause, aber leider schlechtes, zum Teil unverständliches Englisch. Der Pole hatte einen schottischen Akzent, weil er dort lebt, und sprach so langsam, dass man während eines Satzes locker eine Tasse Tee trinken konnte. Die Schlucht wird häufig mit dem Grand Canyon verglichen und ist wohl die zweitlängste der Welt. Der Abschnitt, den wir besuchten, bot schöne Ausblicke und einen Spaziergang zu einem Fluss, für den wir eine Stunde brauchten, weil wir ständig Photos machten.

Obwohl der Charyn Canyon die meistbesuchte Attraktion in der Region Almaty ist und noch dazu Wochenende war, war erstaunlich wenig los. Nur am Fluss standen recht viele Touristen auf einem Haufen, um das perfekte Photo für Instagram zu schießen. Wir stellten uns zu zwei Asiatinnen, die so aussahen, als ob sie darin recht viel Übung hätten.

Vom Canyon ging es weiter zum Kaindy Lake. Zunächst fuhren wir auf einer gut asphaltierten Straße. An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass die Straßenverhältnisse in Kasachstan deutlich besser sind als in Kirgisistan. Die Regierung hat in den letzten Jahren auch einige Straßen zu touristischen Zielen neu gebaut, um den Tourismus anzukurbeln.

Für das letzte Stück stiegen wir für in einen alten Geländewagen aus dem Zweiten Weltkrieg um. Die Fahrt würde jetzt ruckeliger werden, meinte der kirgisische Guide. Ich kannte das ja schon aus seinem Heimatland. Die Fahrt war dann aber tatsächlich deutlich ruckeliger, als ich es bislang gewöhnt war. Das russische Fabrikat machte aber einen guten Job und brachte uns sicher ans Ziel.

Der Kaindy Lake ist ein kleiner Gebirgssee mit ganz klarem Wasser. Aus ihm ragt eine Gruppe Bäume heraus, die komplett unter Wasser stehen. Der See war wohl ursprünglich kleiner und die Bäume standen am trockenen Ufer, bis sie überflutet wurden. Wir waren die einzigen Touristen, aber bei weitem nicht allein. Zahlreiche Kasachen bereiteten ein Barbecue vor. Am See gibt es mehrere Grillstellen und die Kasachen hatten auch ihre Zelte dabei, um am See zu übernachten. Dazu floss reichlich Bier und später wahrscheinlich auch noch Wodka.

Nachdem wir den See aus allen begehbaren Winkeln betrachtet hatten, ging es mit unserem Geländewagen zurück ins Dorf Saty, wo wir in einem Gästehaus untergebracht waren. Ich konnte keinen Unterschied zu kirgisischen Gasthäusern ausmachen. Die Babushka war genauso herzlich. Die Marmelade selbst gemacht und zu Essen gab es Manty.

Am nächsten Tag brachen wir erneut früh auf, um zu den Kolsai Lakes zu fahren. Es gibt deren drei mit sehr einfallsreichen Namen: Nr. 1, Nr. 2 und Nr. 3. Wir parkten am ersten und starten von dort eine Wanderung zum zweiten. Der Weg führt an einem Fluss entlang durch einen Wald. Es geht ein wenig bergauf und bergab und am Ende sehr steil bergauf, weil Nr. 2 400m oberhalb von Nr. 1 liegt. Hier waren wir wirklich ganz alleine und genossen die Ruhe. Sogar der Koreaner hörte auf zu quasseln, was aber eventuell auch an seiner Erschöpfung lag. Das Wasser ist auch hier vollkommen klar und die Bergkulisse könnte auch aus Österreich kopiert sein. Auf dem Rückweg trafen wir mehrfach kasachische Soldaten, die uns auf Pferden entgegen kamen. Die Grenze nach Kirgisistan ist nicht weit und der Weg wird daher standardmäßig patrouilliert.

Wieder zurück in Almaty genoss ich die Annehmlichkeiten der Stadt und plante meine Weiterreise nach Shymkent, einer Stadt im Süden Kasachstans.

Nr. 1
Nr. 2

Urlaub auf dem Bauernhof

Die Babushka in Kyzyl-Oi wartete bereits mit selbstgebackenem Brot und Marmelade auf mich. Ich hatte mir auf Booking.com ein Zimmer in einem Homestay reserviert. Erst gab es Verwirrung darüber, ob ich an der richtigen Adresse wäre. Denn auf Booking.com hat das CBT einen gemeinsamen Eintrag für alle Gasthäuser in dem Dorf angelegt. Aber die Babushka hatte noch ein Zimmer für mich und nahm mich gerne auf.

Kyzyl-Oi liegt ungefähr 140km westlich vom Song-Köl See. Nur auf den ersten Blick hört sich das so an, als ob man dort schnell hinkommen könnte. Tatsächlich dauerte die Fahrt 6 ½ Stunden. Zunächst wurde ich am Camp abgeholt und nach Kochkor gebracht. Von dort nahm ich ein Shared Taxi nach Chaek. Shared Taxis funktionieren im Grunde ähnlich wie Mashrutkas, nur dass sie kleiner sind. Sie stehen an den Taxiständen, haben bereits feste Ziele und fahren los, sobald sie gefüllt sind. Von Chaek aus nahm ich noch ein Taxi alleine bis nach Kyzyl-Oi. Das Reisen in Kirgisistan ist bisweilen etwas umständlich und für die relativ kurzen Strecken geht dann doch oft ein ganzer Tag drauf.

In meinem Reiseführer wird das Dorf als hervorragender Ausgangspunkt für Wandertouren empfohlen und entsprechend sah dann auch mein Programm für den folgenden Tag aus. Direkt vom Dorf lief ich einen der umliegenden Hügel hoch. Vor mir erstreckten sich Weiden und rings um mich herum lagen hohe Berge. Während ich weiter wanderte, konnte ich Bauern bei der Heuernte beobachten, wurde von Reitern überholt und natürlich musste ich auch mehrmals Kuhherden umrunden.

Nach der Wanderung setzte ich mich in den Garten, um zu lesen. Es dauerte nicht lange und die Babushka setzte sich zu mir. Ich habe mir inzwischen ein Russisch-Wörterbuch heruntergeladen und bildete damit einfache Sätze. “Wie alt Hund?” “Morgen ich Bischkek” Sie war zum Glück geduldig und kreativ genug, um zu erraten, was ich sagen wollte.

Von Kyzyl-Oi aus fuhr ich weiter nach Bishkek. Von der kirgisischen Hauptstadt hatten mir andere Traveller bislang nichts Gutes berichtet. Man bräuchte nicht viel Zeit und es würde sich auch kaum lohnen, dort zu sein. Ich plante daher einen halben Tag ein, der auch tatsächlich mehr als ausreicht, um das Sightseeing-Programm abzuarbeiten. Auf dem Osh Basar kam man Gewürze kaufen, Brot, Honig und natürlich billige Klamotten. Danach wollte ich gerne noch ins Historische Museum gehen, das laut Internet geöffnet hatte, in Wahrheit aber gerade umgebaut wird. Stattdessen musste ich mit dem Mikhail Frunze Musem vorlieb nehmen. Frunze kam aus Bischkek und schloss sich früh den Kommunisten an, machte als Führer einer Truppe im Ersten Weltkrieg Karriere, starb aber wenige Jahre nach dem Krieg. Ich musste mir diese Einzelheiten leider im Nachhinein auf Wikipedia durchlesen, da es im Museum zwar jede Menge Photographien und Exponate sogar mit Erklärungstexten auf Englisch zu sehen gibt, aber eigentlich vorausgesetzt wird, das man die grobe Geschichte bereits kennt.

Nach dem Sightseeing genoss ich noch die entspannte Atmosphäre in der Stadt. Ich war überrascht, wie grün die Stadt ist und wieviele Restaurants und Cafés sie zu bieten hat. Ansonsten kommen Liebhaber der Soviet-Architektur hier voll auf ihre Kosten. Insofern hat mich Bishkek positiv überrascht, wenngleich meine Erwartungen auch wirklich extrem gering waren. Am nächsten Morgen verließ ich die Stadt früh in Richtung Kazachstan und beendete damit meine Reise durch Kirgisistan. Zeit etwas Bilanz zu ziehen: Kirgisistans Landschaft ist wirklich wunderschön. Es erinnert manche an die Schweiz oder Österreich. Nur dass das Land wesentlich weniger weit entwickelt ist. Dafür ist die Gastfreundschaft umso herzlicher und wer etwas Russisch oder gar Kirigisch spricht, wird schnell mit seinen Gastgebern Freundschaft schließen können. Kassensturz: In anderthalb Wochen habe ich ca. 300 Euro ausgegeben. In Karakol und in Bishkek habe ich in Hostels geschlafen. Ansonsten in Gasthäusern. Und auf dem Land ist es fast unmöglich, Geld für irgendetwas auszugegeben. 

Italienische Restaurants sind sehr angesagt
American lifestyle: Bishkek Fried Chicken

Unendliche Weiten

„Die Straße zum Song-Köl See ist sehr schlecht. Dafür braucht man einen Geländewagen“, erklärte mir die freundliche Damen im CBT, der Tourismus Information in Kochkor auf meine Frage, wie ich am besten dorthin komme. Ich arrangierte den Transport mit dem Yurt Camp, wo ich zwei Nächte bleiben wollte. Am Song-Köl haben Nomaden-Familien ihre Sommerweiden. Im Frühling ziehen sie mit Sack und Pack aus der Gegend um Kochkor auf 3.000m Höhe und stellen dort ihre Yurten auf, weil das Gras hier grün und saftig ist. Im September wird alles wieder abgebaut, da es im Winter zu kalt wäre.

Am nächsten Morgen saß ich in einem klapprigen VW Kombi. Die Scheinwerfer waren mit Gaffa-Tape festgemacht und am Kofferraum befand sich eine größere Delle. Mein Fahrer versuchte hartnäckig eine Konversation mit mir aufrecht zu erhalten, obwohl ich kaum verstand, was er mir sagen wollte. Der Weg führte zunächst auf einer asphaltierten Straße Richtung Süden, bis man Richtung Song-Köl See abbiegt. Ab jetzt wurde die Landschaft immer schöner: um uns herum steile Berge. In einem Schlagloch löste sich eine Abdeckung an der Armatur, aber der Fahrer reparierte den Schaden sogleich fachmännisch. Wir fuhren über einen Pass zum Song-Köl, an dessen Ufer wir noch etwas weiterfahren mussten. Als wir ein Flussbett durchqueren mussten, wusste ich, warum die Dame im CBT einen Geländewagen empfohlen hatte. Sicherheitshalber hob ich meine Füße, nicht dass sie nass werden, aber die Durchquerung gelang problemlos und kurz darauf kamen wir beim Yurt Camp an.

Es war kalt am Song-Köl See. Ungefähr 5 Grad. Dazu ein wolkenverhangener Himmel. Umso herzlicher war die Begrüßung, als wir ankamen. Wir wurden in die warme Essens-Yurte gebracht, wo man uns sogleich ein Mittagessen und Tee brachte. Das Essen im Yurt Camp war erstaunlich gut und abwechslungsreich: Manty, dazu Nudeln, frisches Brot, Wassermelonen und Salat. Zum Frühstück Spiegelei, Pfannkuchen, Quinoa und Brot. Ich fühlte mich bestens versorgt. Internet gibt es nicht am Song-Köl, aber das fehlte mir auch nicht. 

Es sah nicht nach Regen aus und ich unternahm einen Spaziergang am Seeufer. Für etwa eine Stunde lief ich Richtung Süden. Aber außer dass sich die Pferde und Kühe am Wegesrand änderten, änderte sich an meinem Blick nichts. Am Horizont entdeckte ich ein kleines Gebäude, aber es kam und kam nicht näher. Das Land ist am Seeufer so flach, dass man gefühlt kilometerweit sehen kann.

Am Abend lernte ich eine Gruppe Studenten aus Israel kennen, mit denen ich Karten spielte. Später diskutierte ich noch mit Tschechen über Russen und ihre Eigenheiten. Deutsche fehlten natürlich auch nicht. Die Touristen in Kirgisistan kommen hauptsächlich aus Europa, Israel und Russland. Es fehlen die direkten Nachbarn. In anderen zentralasiatischen Ländern kann man sich Urlaub wahrscheinlich gar nicht leisten und aus China reist man wohl lieber in besser entwickelte Länder, wenn man schon das eigene Land verlässt.

Neben einem Spaziergang am Ufer gehört noch eine Wanderung auf einen der umliegenden Berge zum Standardprogramm am Song-Köl. Am zweiten Tag lief ich durch ein Tal und den anliegenden Berg schließlich hinauf, bis man oben am Pass – auf 3.400m Höhe – einen schönen Ausblick auf den See auf der einen und ein weiteres Tal auf der anderen Seite hat. Das Wetter war besser und die Sonne zeigte sich immer wieder, so dass ich sogar erstmals meine Sonnencreme auspackte.

Auf dem Weg kam ich an einigen anderen Yurt-Camps vorbei, aber auch an Yurten, die offensichtlich ohne Touristen auskamen. Inzwischen leben nur noch wenige Kirgisen einfach nur als Nomaden. Für die meisten ist Tourismus die Haupteinnahmequelle geworden. Sie halten Pferde, mit denen Horse-Treks unternommen werden können und deren Milch außerdem zu Kymys verarbeitet wird. Diese fermentierte Pferde-Milch ist das Nationalgetränk Kirgisistans, enthält angeblich 5% Alkohol und natürlich bot mir die Babushka am letzten Abend ein Glas an. „Spasibo“, bedankte ich mich auf Russisch und roch neugierig an meinem Glas. Leicht säuerlich, war meine erste Einschätzung. Kymys schmeckt tatsächlich zunächst säuerlich und im Abgang bitter. Dazwischen glaubte ich, Noten von Aschenbechern und Pferdeäpfeln herausschmecken zu können. Den Geschmack behielt ich leider lange in Erinnerung. Noch auf der Weiterfahrt am nächsten Tag nach Kyzyl-Oi erinnerte ich mich immer wieder an Kymys.

Erste Eindrücke aus Kirgisistan

Nach einem ziemlich ruckeligen Flug über Istanbul nach Bishkek kam ich am Morgen in Kirgisistan an. Von der kirgisischen Hauptstadt aus wollte ich direkt weiter nach Cholpon-Ata, einem Badeort am Issyk-Kul See. Die Organisation dieser Weiterreise stellte sich als erstaunlich einfach heraus. Kaum hatte ich den Flughafen verlassen, musste ich mir nur noch eine Traube von Taxifahrern, die mich überall hingefahren hätten, loswerden, damit ich in einer bereitstehenden Marshrutka einsteigen konnte. Marshrutkas sind Mini-Busse, die auf recht festen Routen verkehren, aber keinen festen Zeitplan haben. Mit der Marshrutka fuhr ich also nach Bishkek rein. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keinen einzigen Som, da die ATMs am Flughafen nicht funktioniert haben. Ein anderer Tourist half mir mit 50 Soms aus, was etwa 80 Cent entspricht. In Bishkek angekommen, lief ich ein Stück zur Busstation für die Busse zum Isyk-Kul See, wo ich ebenfalls sogleich angesprochen wurde, wo ich denn hinfahren möchte. Der zuständige Fahrer half mir zuvorkommend mit meinem Gepäck und kaum saß ich im Bus, ging es auch schon los.

Die Straßen in Kirgisistan sind in der Regel holprig und auch hier hat sich das Verkehrsamt dazu entschieden, Bremsschwellen einzusetzen, um die Geschwindigkeiten zu kontrollieren. Der durchschnittliche kirgisische Fahrer lässt sich davon jedoch nicht beirren und fährt in ungebremster Geschwindigkeit weiter. Auf den Straßen sieht man viele Autos aus Deutschland, zu erkennen an den Beschriftungen deutscher Firmen. Offensichtlich haben diese Fahrzeuge in Deutschland ihre Zulassung verloren und sind dann hierher gebracht worden. Zudem sieht man auch regelmäßig Autos mit dem Lenkrad auf der rechten Seite – Importe aus UK.

In Cholpon-Ata ruhte ich mich erstmal am Strand aus, der außer mir von ein paar einheimischen Touristen genutzt wurde. Das Wasser ist klar und angenehm erfrischend, wie man es von einem Gebirgssee erwartet. Der Isyk-Kul See ist übrigens der zweitgrößte Gebirgssee der Welt, hinter dem Titicaca See in Peru. Ich mache die Augen zu und versuche nach der anstrengenden Fahrt etwas zu schlafen. Da wir die Idylle von Motor-Geräuschen gestört: Am Horizont erkenne ich einen Jet Ski. Eine Bucht weiter befand sich eine Art Wasser-Vergnügungspark mit Rutschen und Hüpfburgen. Ich ließ mich nicht weiter stören und ruhte mich aus.

Nach einer Nacht fuhr ich weiter nach Karakol, einem Trekking-Paradies östlich vom Isyk-Kul. Der Wetterbericht sagte für die nächsten Tage dauerhaften Regen voraus. In München bedeutet das meist, dass es zwischendurch für eine Stunde nieselt und man sich nicht weiter beirren lassen muss. Hier bedeutete das dauerhaften Regen für die nächsten Tage. Ich besuchte zunächst die Sehenswürdigkeiten in dem Ort: diverse Kirchen, ein historisches Museum mit allerlei Fundstücken aus diversen Epochen, monumentale Denkmäler sowie den Basar. Am Abend vertrieb ich mir die Zeit mit Jenga und Schach mit einer deutschen Familie.

Trotz des schlechten Wetters wollte ich den Ort nicht direkt verlassen, sondern die Umgebung mit kleineren Ausflügen kennenlernen. Ich stellte mich am Vormittag, wie mir empfohlen wurde, an die Busstation und wartete auf die Marshrutka nach Jeti-Öguz. Zum Glück fand ich einen Platz, wo ich mich gut unterstellen konnte. Denn es regnete ja immer noch. Nach einer halben Stunde wurde ich unruhig und erkundigte mich bei Passanten, ob ich an der richtigen Station stehe. Sie sprachen kein Englisch und versuchten mir irgendetwas zu sagen. Ich hatte den Eindruck, dass ich an der richtigen Station stehe. Eine halbe Stunde später kamen andere westliche Wanderer dazu, die ebenfalls nach Jeti-Öguz wollten. Wir warteten gemeinsam nochmal eine halbe Stunde, ehe wir uns ein Taxi nahmen. In Jeti-Öguz angekommen regnete es logischerweise auch. Wir warteten also erstmal in einem Lokal darauf, dass der Regen aufhört. Laut Wetterbericht sollte es eine kleine Pause um 13 Uhr geben. Und auch in dieser Hinsicht hatte der Wetterbericht recht: Um Punkt 13 Uhr hörte es auf zu regnen. Wir stürmten schnell vom Lokal den anliegenden Hügel hoch, von wo man einen wunderbaren Ausblick auf die Seven Bulls und die weitere Landschaft hat – leider recht wolkenverhangen, aber trotzdem schön. Nachdem wir ausreichend Photos gemacht haben, fing es wieder an zu regnen.

Zum Abschluss in Karakol meldete ich mich für ein Dinner bei einer Dungan Familie an. Die Dunganen sind chinesische Muslime, die in Karakol leben. Sie sprechen Kirgisisch, aber auch Chinesisch. Im Gegensatz zu Chinesen verwenden sie dafür aber die kyrillische Schreibweise. Ihre Küche ist stark chinesisch geprägt. Als Vorspeise gab es Ashlyamfu, als Hauptgang Reis mit acht vierschiedenen Beilagen – von Meatballs bis Schnittlauch mit Ei. Dazu wurden uns noch ein paar Eigenheiten der Dunganen erklärt. Am Ende waren alle satt und bestens informiert. Für mich eine gute Grundlage, um am nächsten Tag nach Kochkor weiterzufahren.

Zurück in der Urbanität

Meine letzte Nacht in Jordanien verbrachte ich in Madaba. Ich hatte die Stadt aus strategischen Gründen ausgewählt: Von dort ist es nicht mehr weit zur Grenze und im Gegensatz zu Unterkünften direkt am Toten Meer sind die Hotelpreise deutlich günstiger.

Madaba gab mir überall mehr, als ich gehofft hatte. Angefangen beim Hotel, das von außen etwas heruntergekommen aussah, weil es im Augenblick umgebaut wird, aber innen auf Hochglanz poliert war. Die Besitzerin bot mir beim Check-In nicht nur einen Kaffee an, was in Jordanien recht üblich ist, sondern auch noch ein Stück selbstgebackenen Kuchen. In der St. John’s Kirche, einer der Hauptattraktionen der Stadt, kam ich zufällig gerade pünktlich, um beim Läuten der Glocken zu helfen. Wer das noch nie gemacht hat: Ich kann es nur empfehlen, weil es wirklich Spaß macht. Ich könnte diese Liste an unerwarteten Extras noch endlos fortsetzen.

Ebenfalls unerwartet war die hohe Zahl unverschleierter Frauen auf den Straßen. Im Süden des Landes sieht man zum Teil gar keine Frauen auf der Straße und wenn nur verschleiert. Denn nur etwa 15% der Frauen arbeiten in Jordanien. 85% kümmern sich um den Haushalt und die Erziehung der durchschnittlich 3 Kinder – die Geburtenrate in Jordanien ist damit auf dem gleichen Niveau wie in Israel. Rein nach dem äußeren Eindruck schätze ich, dass der Anteil erwerbstätiger Frauen in Madaba und auch in der Hauptstadt Amman deutlich höher ist als auf dem Land.

Hauptgrund für die vielen unverschleierten Frauen ist der hohe Anteil Christen: Etwa ein Drittel der Bevölkerung in Madaba ist christlich. Insgesamt liegt der Anteil in Jordanien hingegen nur bei 6%.

Wo geht’s zum Himmel?

Etwas traurig, dass ich diesen wunderbaren Ort schon wieder verlassen musste, stieg ich am nächsten Morgen ins Auto, um zur Grenze zu fahren. Nachdem ich unzählige Horrorstories über stundenlange Aufenthalte an der Grenze gehört hatte, war ich auf lange Befragungen gefasst. Der Grenzübergang stellte sich dann aber als recht einfach heraus. In Jordanien wird der Reisepass gecheckt, dann steigt man in einen Bus ein, der einen von der jordanischen an die israelische Grenze bringt. Die Fahrt dauert ohne Stau etwa 10 Minuten. An dem Tag war leider Stau, so dass die Fahrt eine Stunde dauerte. Aber in einem klimatisierten Reisebus lässt sich das durchaus aushalten. An der israelischen Grenze wird das Gepäck kontrolliert, bevor es an die Befragung geht. Da wurde ich lediglich gefragt, warum ich nach Israel fahre und nachdem ich erklärte, dass ich noch zwei Tage in Tel Aviv bleibe, bevor ich wieder nach Deutschland fliege, durfte ich auch schon einreisen.

Mit einem Mini-Bus ging es weiter nach Jerusalem und von dort nach Tel Aviv. In Tel Aviv angekommen, wollte ich meine Fahrt mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln fortsetzen. Da ich vorher nicht ganz sicher war, an welcher Busstation ich ankommen würde, hatte ich mich vorab noch nicht darüber informiert, wie ich zu meinem Hotel komme. Beim Busbahnhof gab es keine Schilder mit Fahrplänen oder Karten. Ich fragte also Passanten, ob sie mir weiterhelfen könnten. Die Reaktionen: eher verhalten. Entweder weichte man mir vorab aus, winkte direkt ab oder zuckte mit den Schultern. Kein Mensch wusste, wie die Busse fahren, und schon gar nicht wollte man sich die Mühe machen, das für mich nachzuschauen. Kein Zweifel, ich war wieder in einer anonymen Großstadt.

Da ich die Altstadt Jaffa bei einem vorherigen Besuch in Tel Aviv bereits erkundet hatte, wollte ich diesmal die neueren Viertel erkunden. Allerdings ist Tel Aviv nicht gerade reich an herausragenden Sehenswürdigkeiten. Zu den Highlights gehören unter anderem der erste Kiosk der Stadt, das Wohnhaus des ersten Bürgermeisters oder die erste hebräische Schule. Ich verbrachte daher den Großteil meiner Zeit am Strand oder testete verschiedene Falafel-Buden, bevor ich wieder zurück nach München flog.

Kein Falafel, sondern Sabich – Pita mit gegrillter Aubergine und Ei
Der Carmel Market ist einen Besuch wert
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