Für die Autonome Provinz Tibet wird ein Extra Permit benötigt und es sind nur geführte Touren möglich. Aber Tibet gibt es auch in anderen Provinzen. Xiahe liegt im Autonomen Bezirk Gannan in der Provinz Gansu, wird hauptsächlich von Tibetern bewohnt und ist bekannt für das tibetisch-buddhistische Kloster Labrang. Um etwas tibetische Luft zu schnuppern, wenn auch nur auf 2.800m Höhe, war dies daher mein nächstes Ziel.
Um dorthin zu kommen, musste ich erstmal einen Zwischenstopp in Xining einlegen. Ich suchte mir ein Hostel in der Nähe des Bahnhofs, damit ich meinen Bus in der Früh gut erreichen könnte. Die Bewertungen auf Booking.com sahen gut aus und ich lief zu der angegebenen Adresse. Dort konnte ich aber kein Hostel finden. Chinesische Adressen können manchmal etwas verwirrend sein, so dass ich bei anderen Bewohnern des Gebäudes nachfragte. Ich war richtig, aber das Hostel kannten sie auch nichht. Ich versuchte telefonisch jemanden zu erreichen. Die erste Nummer endete im Nichts und unter der zweiten erreichte ich eine Chinesin, die aber von dem Hostel ebenfalls nichts wusste. Ich musste mir daher spontan eine Alternative suchen.
Gleich im ersten Hotel, das in der Nähe lag, hatte ich Glück und man hatte noch ein Zimmer. Bis ich meinen deutschen Reisepass rüberreichte. „Ach so, wir nehmen keine Ausländer auf“, erklärte man mir daraufhin. Chinesische Hotels müssen besondere Auflagen erfüllen, wenn sie auch Ausländer aufnehmen, so dass die meisten nur Chinesen beherbergen. Hatte die Dame an der Rezeption tatsächlich gedacht, ich wäre Chinesin? Ich lief etwas weiter, bis ich wieder ein Hotel entdeckte. Diesmal erklärte man mir direkt, dass ich hier keine Chance auf ein Zimmer hätte. Dafür erhielt ich aber den Tipp, dass direkt nebenan auch Ausländer schlafen dürfen – Volltreffer.
Nach dem Check-In erkundete ich Xining. Die Bevölkerung ist mehrheitlich muslimisch, so dass das Straßenbild von Moscheen und Straßenständen mit muslimischen Essen geprägt ist. Buddhistische Mönche trifft man hin und wieder, da sie laut Reiseführer hier Einkäufe erledigen würden. Ich besorgte mir reichlich Snacks für die sechs Stunden Busfahrt am nächsten Tag und genoss den lauen Sommerabend.


Dann ging es weiter zu meinem eigentlichen Ziel. Xiahe liegt in einem Flusstal eingerahmt von Bergen. In der Mitte des Ortes liegt das tibetisch-buddhistische Kloster Labrang, in dem etwa 2.000 Mönche leben. Auf den Straßen tummelten sich die Mönche zwischen anderen Tibetern, Rucksacktouristen und vereinzelten Yaks. Auf Anhieb spürte ich die besondere Atmosphäre dieses Ortes. Rund um das Kloster führt die Kora, ein 3km langer Weg mit Gebetsmühlen, der von morgens bis abends von Buddhisten bewandert wird. Ich mischte mich unter das Gebetsvolk und drehte ebenfalls fleißig an den Mühlen. Ich hatte auch keine andere Wahl: Da das Kloster in der Mitte des Ortes liegt und man auf der Kora nur im Uhrzeigersinn läuft, musste ich drei Mal täglich das Kloster umrunden und ich entdeckte immer wieder Neues. Mal waren Mönche gerade am Sport machen, mal stand plötzlich ein Yak auf dem Weg und einmal wurde Essen an Betende ausgeteilt.
Ich unterschied zwischen drei Lagern der Betenden: Da sind die Entspannten, mit sich selbst und der Welt im Einklang Wirkenden, die wahrscheinlich gerade darüber nachdenken, was die Seele des Menschen ausmacht, während sie an einigen, aber längst nicht allen Mühlen drehen. Ihnen sehr ähnlich, aber nicht ganz so entspannt, sind die Gehetzten, die einen mit einem forschen Schritt überholen. Pausenlos murmeln sie irgendwelche Formeln, die ich nicht genau verstehen konnte, und sie lassen wirklich keine Mühle aus.
Die dritte Gruppe ist am auffälligsten: Sie drehen nicht an den Gebetsmühlen, sondern gehen mit langsamen Schritten 2m neben den Mühlen. Alle drei oder vier Schritte werfen sie sich zu Boden, strecken ihre Arme aus und stehen dann wieder auf. Man nennt das Body Praying, aber es kam mir eher vor wie Bodybuilding Praying. Schließlich machen sie im Grunde ziemlich viele Burpees. Bei einer durchschnittlichen Schrittlänge von 70cm und davon ausgehend, dass sie mit dem zu Boden werfen, einen überdurchschnittlich langen Schritt machen, kommen sie locker auf 750 Prayer Burpees. Zusätzlich gibt es noch Stationen vor den Tempeln und den beiden Stupas, bei denen sie stehen bleiben, um auf der Stelle weitere Prayer Burpees zu absolvieren. Ich sah eine Frau aus dieser Kategorie, die bereits recht erschöpft war, als ich sie überholte. Danach ging ich in einen Tempel, holte mir etwas zu essen, machte eine Pause auf einer Bank und dann überholte mich die Frau wieder. Zwischen unseren beiden Treffen war mindestens eine Stunde vergangen und sie sah nicht so aus, als ob sie demnächst fertig wäre. Es gibt keine Regeln, wer auf welche Art zu beten habe und auch nicht, wie häufig man dem nachgehen muss, erklärte mir ein Mönch auf der Tour durch das Kloster. Die Bodybuilding Prayer machen das alles also absolut freiwillig.
Man kann das Innere nicht individuell betreten, sondern nur im Rahmen einer geführten Tour, bei der man einige Tempel und Colleges besucht. Der Mönch sprach sehr gutes Englisch, hatte aber ansonsten mit einem klassischen Tour Guide recht wenig gemeinsam. Denn statt uns Dinge zu erklären, bombardierte er uns mit Fragen. Woran machen wir fest, dass wir eine Person wären? Wann beginnt unser Leben? Was ist ein Buddha? Die Gruppe tat ihr Bestes, Antworten zu geben mit allerlei schlauen Ansätzen, auf die er aber jeweils ein paar Einwände entgegenzusetzen wusste.




Mir brummte der Schädel von all dem Philosophieren und außerdem knurrte der Magen. Ein leerer Magen studiert nicht gerne. Ich wollte also erstmal etwas essen gehen, um anschließend gestärkt über seine Fragen nachzudenken. Im Restaurant setzte sich der Besitzer zu mir und lud mich auf ein, zwei, drei Drinks ein. Er sprach gut Englisch und wollte mit mir noch etwas üben. Voller Stolz erklärte er mir alles über das Craft Beer aus Shangri-La, ebenfalls eine tibetische Region, und präsentierte später noch chinesischen Reiswein. Antworten auf die Fragen des Mönchs konnte er mir leider auch nicht geben, aber dafür einige Informationen über Tibet. Als ich am nächsten Tag im Bus Richtung Lanzhou saß, brummte der Schädel immer noch – diesmal aber nicht aufgrund der philosophischen Fragen.
Falls ihr euch nach diesen Ausführungen fragt, was den tibetischen Buddhismus im Vergleich zu anderen buddhistischen Richtungen ausmacht, möchte ich einen kurzen Rückblick nach Dunhuang machen. Bei den Grotten fragte ich den Guide, ob sie mir den Unterschied zwischen der chinesischen und tibetischen Richtung in einem Satz sagen könnte. Keine einfache Frage, aber sie hatte eine recht eingängige Antwort darauf: „Die tibetischen Buddhas sind häßlich. Sie haben mehrere Arme und schauen grimmig.“ Ich bin nicht ganz sicher, ob sie das vollkommen ernst meinte oder ob eventuell ihre Englisch-Kenntnisse für eine komplexere Differenzierung nicht ausreichten. Richtig ist, dass ich im Kloster einige Buddas mit mehreren Armen sah, aber längst nicht alle. Und einen grimmigen Eindruck machte niemand auf mich. Die Unterschiede scheinen doch etwas schwieriger zu erfassen zu sein, aber da ich sicherlich noch ein paar Tempel in China besuchen werde, bleibt mir auch noch etwas Zeit, um das näher zu ergründen. Fortsetzung folgt…































































