Streuverluste

Von Vientiane, der laotischen Hauptstadt, hatte ich im Vorfeld wenig Gutes gehört. Es gebe nichts Interessantes und überhaupt sollte man möglichst wenig Zeit dort verbringen. Bislang hatte ich mit Hauptstädten, die andere Reisende für wenig attraktiv halten, jedoch immer gute Erfahrungen gemacht, so dass ich mich davon nicht abhielten ließ. Und auch Vientiane enttäuschte mich nicht. Sicherlich, die Stadt bietet keine herausragenden Sehenswürdigkeiten, aber es gab genügend kleinere für mich zu entdecken. Außerdem freute ich mich über ein vielfältiges Angebot internationaler Restaurants und guter Cafés.

Als erstes machte ich einen Spaziergang durch die Stadt, der mich zum Patuxai, Pha That Luang und diversen Wats = Tempel führte. Es war ein lauer Sommerabend und viele Laoten nutzten das angenehme Wetter, um laufen zu gehen oder Fußball zu spielen. Das wäre in vielen Ländern nicht weiter erwähnenswert, aber in Laos habe ich bislang nur eine sehr schäbige Badminton-Halle gesehen und einmal ein paar Kinder beim Fußball spielen. In Vientiane gibt es sogar mehrere Fitness-Studios und ein öffentliches Schwimmbad mit einer 25m Bahn – wahrscheinlich die einzige Anlage dieser Art im ganzen Land. Trotz schlechter Bedingungen hat es das Land geschafft, 2016 zwei Schwimmer zu den Olympischen Spielen nach Rio zu schicken, die tatsächlich auf eben jener 25m Bahn ihre Vorbereitung absolviert haben.

Patuxai
Pha That Luang

Am nächsten Tag nahm ich mir das COPE Besucherzentum vor. COPE kümmert sich um die Bereitstellung von Prothesen oder Rollstühlen für alle Menschen, die ansonsten keinen Zugang dazu hätten. Der Bedarf ist leider überdurchschnittlich hoch und dafür gibt es einen sehr traurigen und kaum bekannten Grund: Auf Laos wurden 2,5 Millionen Tonnen Munition abgeworfen. Das ist Weltrekord im pro Kopf Vergleich und mehr als im zweiten Weltkrieg auf Deutschland und Japan zusammen geworfen wurden. Wer sich jetzt fragt, welches Regime denn in Laos bekämpft oder in welchen Krieg das Land verwickelt war, der hat nicht etwa in Geschichte nicht gut aufgepasst. Laos war in keinen Krieg verwickelt. Das Land liegt schlicht und ergreifend direkt neben Vietnam und wurde im Rahmen des Vietnam Krieges bombardiert – allerdings nicht etwa aus Versehen. Die Bomben sind gezielt von amerikanischen Flugzeugen über Laos abgeworfen worden, wenn sie sich auf dem Rückweg zu ihrer Base befanden und nicht alle Munition in Vietnam losgeworden waren. Es wäre zu gefährlich gewesen, wenn sie mit den Bomben an Bord versucht hätten, zu landen. Neun Jahre versteckten sich die Laoten daher regelmäßig in Tunneln und Höhlen.
Zu allem Unglück handelte es sich bei vielen dieser Bomben um Streubomben mit einer Vielzahl kleiner Geschosse. Man schätzt, dass 30% dieser Bomben, also ca. 80 Millionen, noch nicht hochgegangen sind. Sie liegen heute noch herum und werden von Bauern gefunden, wenn sie ihr Feld umpflügen, oder explodieren, wenn jemand in der Nähe ein Feuer anmacht oder beim Spazierengehen drauftritt. Seit 1994 werden die Blindgänger gezielt gesucht und gesprengt, damit Bauern ihrer Arbeit in Sicherheit nachgehen können. Etwa 500.000 Streubomben wurden auf diese Weise unschädlich gemacht. Bleiben noch etwa 79,5 Millionen übrig. Ich kaufte eine Packung Kaffee, mit dem COPE unterstützt wird, und hinterließ noch eine Spende.

Diese 77 Länder haben sich noch nicht gegen den Einsatz von Streubomben eingesetzt – u.a. die USA

Um zum Abschluss noch mehr über Laos zu erfahren, wollte ich noch mit mehr Mönchen sprechen. In einem Tempel gab es die Möglichkeit, an einer Meditation teilzunehmen und sich mit Mönchen zu unterhalten, die ihr Englisch üben möchten – mein Programm für den Folgetag. Zusammen mit ein paar anderen Backpackern saß ich im Schneidersitz einer Hand voll Mönchen gegenüber, die uns von ihrem Alltag berichteten, der recht gut durchstrukturiert und voller Regeln ist. Um 3:30 Uhr starten sie mit der ersten Meditation. Zu essen gibt es nur ein Frühstück und Lunch – abends wird nicht gegessen, sondern nochmal meditiert. Die Regeln sind aber von Tempel zu Tempel unterschiedlich, so dass das nicht für alle Mönche in Laos gelten muss. Das Englisch der Mönche war aber – wie auch schon bei anderen Mönchen – nicht ausreichend, um komplexere Themen zu diskutieren. Zum Teil verstanden sie die Frage nicht ganz richtig oder gaben recht allgemeine Antworten. Als ein Mönch erklärte, dass alle Lehrer auf ihrer Schule auch Mönche sind, wurde mir auch schnell klar, woran das liegt.
Für die Meditation sangen die Mönche erst ein paar Sutren, bevor wir die Augen schlossen und uns auf unseren Atem konzentrierten. 15 Minuten Meditation vergingen erstaunlich schnell. Wir schlossen noch eine Walking Meditation an, die im Grunde gleich abläuft, nur dass man dabei langsam durch den Tempel schlendert anstatt zu sitzen, bevor wir nochmal im Sitzen meditierten.
Dann hieß es für mich, meinen Rucksack ein letztes Mal zu packen und zum Flughafen zu gehen.

Die Tempel wurden für ein Festival geschmückt
Dafür wurden auch Boote gebastelt, die mit Kerzen beleuchtet über den Mekong fahren. Leider war ich zu dem Zeitpunkt schon in der Luft
Im Buddha Park etwas außerhalb stehen etwa 200 Buddhas wie dieser, der einen sehr glücklichen Eindruck macht

Höher, schwieriger, weiter

Mit dem Bus ging es weiter nach Vang Vieng. Ich hatte zuvor höchst unterschiedliche Erfahrungsberichte über Busfahrten in Laos gelesen: Von schlechten Straßenverhältnissen war die Rede. Es wurde berichtet, dass Leuten reihenweise schlecht wurde, aber es gab auch ein paar positive Erlebnisse. Der Minivan, in dem ich saß, war mehr als komfortabel und die Straße ebenfalls. Die Fahrt war recht kurvenreich und ich kann mir vorstellen, dass ein aufgeregter Fahrer für einiges Ungemach sorgen kann, aber wir fuhren nicht zu schnell, so dass alle mit einem guten Gefühl in Vang Vieng ankamen.

Ich checkte in meinem Guesthouse ein und erkundete danach die Stadt, was nicht zu allzu lange dauerte. Es gab eine Hauptstraße, ein paar kleine Tempel und ansonsten jede Menge Hotels, Restaurants und Bars. In Laos insgesamt sorgt Tourismus für 14% des BIP. Das ist deutlich mehr als in meinen bisherigen Reisestationen, wo der Anteil bei maximal 4% lag. Laos liegt mit seinen 14% übrigens weltweit auf Platz 61. In Thailand (22%) und den Philippinen (25%) ist der Anteil noch höher. In Vang Vieng hatte ich den Eindruck, dass 100% der Wirtschaftsleistung durch den Tourismus erbracht werden.

Wenn man durch die Straßen geht, kann man sich schnell fragen, warum all diese Menschen kommen. Denn besonders schön ist der Ort wirklich nicht. Dafür ist die Umgebung umso reizvoller: Karstberge, Reisfelder und der Fluss Nam Song bieten jede Möglichkeiten für Ausflüge in die Natur. Ich meldete mich für einen ganztägigen Kletterkurs an.

Obwohl die Stadt voller Touristen war, kam nur ein Koreaner auf die gleiche Idee und er wollte nur einen Halbtageskurs machen. Wir hatten also den Vormittag zu zweit einen Lehrer und am Nachmittag hatte ich Privatunterricht. Der Guide erklärte uns zunächst, wie wir uns gegenseitig sichern, bevor wir mit einer leichten Route starteten. Problemlos kamen wir beide hoch und wieder runter. Im Laufe des Vormittags erhöhten wir die Schwierigkeiten, bis wir bei der letzten Route einen leichten Überhang zu meistern hatten. Von unten betrachtet, sahen die meisten Routen kaum zu bewältigen aus. Ich konnte kaum gute Löcher im Fels entdecken, an denen man sich festhalten könnte. Aber Schritt für Schritt entdeckte ich immer eine kleine Felsspalte, die bereits ausreichte, um sich weiter nach oben zu bewegen. Kurz vor Schluss ließ meine Kraft in den Fingern dann doch nach: Die Griffe, die sich mir boten, waren nicht ideal und meine Unterarm bereits Pudding. Ich verlor den Halt und rutschte ab, war aber gut gesichert, so dass ich kaum nach unten rutschte. Beim zweiten Versuch half der Guide an der entscheidenden Stelle etwas nach und zog mich quasi nach oben. Kaum hatte ich den Überhang überwunden, konnte ich auch schon oben anschlagen und mich abseilen.

Bei der nachmittäglichen Privatstunde stellte sich heraus, dass der Guide ein ganz hervorragender Lehrer war. Ich kletterte jede Route immer zwei Mal: Das erste Mal den einfachen Weg. Kaum dass ich das geschafft hatte, erklärte er mir, wo ich die Route schwieriger machen kann. Am Ende des Tages waren wir soweit, dass ich meinen rechten Fuß oberhalb meiner Hände platzieren sollte, um mich dann nach oben zu ziehen. Okay, es gelang mir noch meinen rechten Fuß zu platzieren und ich wollte mich auch nach oben ziehen, aber ich fand nicht schnell genug den passenden nächsten Griff. Das wäre aber auch wirklich zu viel gewesen.

Am nächsten Tag lieh ich mir ein Fahrrad aus, um die Umgebung zu erkunden. Nun muss ich nochmal zurückkommen zu den Straßenverhältnissen, die ich eingangs gelobt habe. Zwischen Luang Prabang und Vang Vieng verläuft eine wirklich gut asphaltierte Straße, aber sobald ich Vang Vieng verließ, befand ich mich auf einer Sandpiste voller Schlaglöcher. Mein Fahrrad hatte zum Glück einen ganz gepolsterten Sitz. Dafür rutschte im Laufe des Tages der Sattel immer weiter nach unten, so dass ich zwei Mal nachziehen musste, und der Lenker verdrehte sich auch noch leicht. Bei den niedrigen Geschwindigkeiten, die ich erreichte, war das aber zum Glück nur halb so nervig. So lange ich mich nicht auf die widrigen Umstände konzentrierte, konnte ich aber eine schöne Landschaft genießen, die mich sehr an Yangshuo in China erinnerte. Ungefähr bei der Hälfte der Strecke, die ich mir vorher rausgesucht hatte, machte ich einen Stopp bei einer Lagune, um mich zu erfrischen. Anschließend ging es mit neuer Kraft weiter auf den Buckelpiste. Als ich in Vang Vieng wieder ankam, war ich ziemlich froh, das Fahrrad abgeben zu können und belohnte mich erstmal mit einem Mango Shake.

Noch mehr Tempel

Mein Wecker klingelte um 5:20 Uhr. Ich war eigentlich erst recht spät angekommen nach der langen Busfahrt, aber ich wollte schon im Morgengrauen auf die Straßen von Luang Prabang. Ich zog mich also schnell an und lief die Hauptstraße herunter. Dort standen auch schon andere Touristen und ein paar Einheimische, die den Touristen etwas Reis verkaufen wollten. Alle warteten gespannt, bis man am Horizont einige grell-orangene Outfits sah. Natürlich warteten wir nicht auf die Müllabfuhr, sondern auf Mönche. Jeden Morgen zum Sonnenaufgang machen sie ihren Almosen-Gang durch Luang Prabang. Da sie selbst nicht besitzen, werden sie von der Bevölkerung mit Essen versorgt. Inzwischen ist daraus auch eine regelrechte Touristen-Attraktion geworden und über zu wenig Essen müssen die Mönche sicherlich nicht klagen. Ich konnte auch beobachten, dass einige kleine Kinder wiederum von den Mönchen mit Essen versorgt wurden.

Anschließend besuchte ich diverse buddhistische Tempel. Die Buddhas und Stupas sahen aus wie in China, aber die Architektur und Wandmalereien unterschieden sich deutlich. Auf den Höfen der Tempel waren meist Mönche damit beschäftigt, irgendetwas zu basteln, aufzuräumen oder zu späterer Stunde gemeinsam zu meditieren. Sie waren erstaunlich jung und ein paar Mönche sprachen mich an, um ihr Englisch zu verbessern. So erfuhr ich, dass sie in den Tempeln wohnen bzw. in dazugehörigen Gebäuden. Viele wurden in jungen Jahren von ihren Familien dorthin geschickt, weil dadurch für ihre Bildung und vor allem ihr Essen gesorgt wird. Sie verbringen als Mönch ihre Jugend und verlassen den Tempel, wenn sie zum Beispiel zur Universität gehen oder einen Beruf ergreifen möchten. Es dauerte eine Weile, bis ich diese Information zusammenhatte und ich musste außerdem einen Tour-Guide danach fragen, weil das Englisch der Mönche dann doch meist nicht für komplexe Themen ausreichte und ich mir zum Teil nicht sicher war, was sie mir genau erklären wollten. Aber dass sie mit mir so fleißig üben wollten, hat mich doch sehr gerührt.

Der besagte Tour-Guide führte mich am nächsten Tag durch das Elephant Village, einem Conservation Center. Die dort lebenden Elefanten wurden vom Village aus einer harten Gefangenschaft herausgekauft. Die meiste Zeit des Tages halten sie sich im Dschungel auf, aber morgens kommen sie zum Check-Up zum Doktor und bekommen außerdem ein Frühstück sowie Mittagessen. Beides schien aber fließend ineinander überzugehen. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass sie dauerhaft essen, was allerdings bei der schieren Körpergröße und der Ernährung aus ein paar Bananen und Blättern kaum verwunderlich ist.

Zunächst gab ich einer Elefantin ein paar Bananen, die sie gierig verschlung. Kaum hatte ich ihr eine Banane gegeben, streckte sie auch schon ihren Rüssel aus, um die nächste zu bekommen. Später wusch ich die Elefantin. Wir gingen dazu an den Fluss und ich schrubbte ihr die Kopf, während ich auf ihrem Rücken saß. Wasser schien ihr zu gefallen: Sie tauchte zwischendurch für längere Zeit unter und besprühte mich anschließend mit Wasser. Das war wahrscheinlich ihre Art, Danke zu sagen. Ich schrubbte daher auch noch ihren Rücken. Nach dem Bad ging es für die Elefantin zurück in den Dschungel. Ein Mahout brachte sie dorthin, während ich mit dem Guide zu einem nahen Wasserfall fuhr.

Beim Village gab es auch einen schicken Swimming Pool

Es war Wochenende und entsprechend war viel los: Zahlreiche Laoten und einige Touristen ließen bereits ihre Seele baumeln oder machten Selfies im Wasser. Aber auch hier hielten sich 80% der Menschen auf 20% der Fläche auf, so dass man nur etwas weiter laufen musste, um den Wasserfall ohne Menschenmenge genießen zu können. Auf dem Rückweg zum Boot sah ich einige Elefanten, die hier als Touristen-Attraktion gehalten werden. Sie hatten Sessel auf ihrem Rücken und zum Teil drei Menschen auf einmal auf ihnen. Der Tour-Guide vom Elephant Village erklärte mir, dass sie auch von hier einen Elefanten gekauft hätten und gerne noch einen kaufen würden. Der Preis für einen Elefanten liegt übrigens bei 30-40T USD.

Als wir wieder zurückfuhren, beschäftigte ich mich nochmals mit der Elefanten Industrie in Südostasien. Ich hatte auch auf dem Rücken der Elefantin gesessen und war ein kurzes Stück mit ihr durch den Dschungel geritten. Tatsächlich gibt es in Südostasien immer mehr Anbieter, die ihren Kunden erzählen, dass sie gerettete Elefanten halten und sich dem Eco-Tourismus verschrieben hätten, die aber ihre Elefanten ebenfalls nicht gut behandeln. Viele Elefanten müssen den ganzen Tag Touristen herumtragen oder werden mehrfach von ihnen gebadet. Beim Village, das ich besucht habe, hatte ich einen guten Eindruck. Die Elefanten haben zu Essen bekommen, es gab einen Tierarzt, sie waren nur kurz im Village und danach im Dschungel und die Interaktion mit Touristen wurde zeitlich stark eingeschränkt. Ich hatte zwar eine Tour für einen ganzen Tag gebucht, aber die meiste Zeit erklärte man mir etwas oder beschäftigte mich anderweitig. Ohne ein Experte zu sein, kann ich auch nur berichten, dass ich den Eindruck hatte, es würde den Tieren gutgehen. Das Beste wäre es sicherlich, wenn die Tiere in Freiheit leben könnten. Aber wenn das Geld, das ich dem Village gezahlt habe, dazu beiträgt, dass ein Elefant vom Wasserfall aus seiner Situation befreit wird, habe ich auf jeden Fall etwas Gutes getan.

Die Innenstadt von Luang Prabang ist geprägt von Häusern aus der Kolonialzeit
Etwas außerhalb liegt das Whisky Village. Warum heißt das so?
Weil die Bewohner Whisky oder eigentlich Reiswein brennen

Special: Alles, was nicht nicht erlaubt ist, ist erlaubt

Wenn Deutschland ein Schilderwald ist, dann ist China definitiv ein Schilderdschungel. Überall weisen Straßenschilder auf dieses oder jenes hin. Ich gebe zu, ich habe sie schnell ausgeblendet, da sie in der Regel voller chinesischer Schriftzeichen waren und ich selten die Informationen fand, die ich benötigt hätte. Mein volles Interesse haben aber Hinweisschilder geweckt, auf denen einem erklärt, was alles nicht erlaubt wäre. Offensichtlich traut man den Chinesen nicht zu, dass sie selbst auf sich gut aufpassen, sondern stellt zur Sicherheit lieber ein paar Schilder auf. Die besten Hinweisschilder habe ich in diesem Blogpost zusammengestellt…

Es gibt offensichtlich gute Gründe, sich an diesen Hinweis zu halten
Ohne das Schild wäre ich nicht auf die Idee gekommen, aber jetzt fühlte ich mich doch in meiner Freiheit eingeschränkt
Hier wird wirklich an jede mögliche Gefahr gedacht
In der U-Bahn ist nichts erlaubt, was Spaß macht
Hinter dem Schild geht es senkrecht 100m nach unten. Wer möchte da weiterlaufen?
Können die Dreijährigen, die vor diesem 10cm tiefen Bach gewarnt werden, eigentlich schon lesen?
Hat Rauchen einen negativen Einfluss auf negative Ionen? Und welchen Effekt haben negative Ionen auf mich?
Das kann man leider schlecht lesen: Old man gathering herbs. Ist das gefährlich?

Mit dem Nachtbus nach Laos

Da mir Kunming beim ersten Mal nicht sonderlich gefallen hatte, reduzierte ich die Zeit in der Stadt auf das nötigste. Mein Bus kam in der Früh um 7 Uhr an und ich nahm noch am gleichen Tag den Nachtbus nach Luang Prabang, Laos, um 18:30 Uhr. In der Zwischenzeit wollte ich noch ein kleines Viertel mit älteren Häusern besuchen. Es wimmelte von Chinesen, die ihre Ferien genossen und mit ihren Familien Spaziergänge unternahmen. Als ich hungrig wurde, kehrte ich in einem kleinen Lokal ein. Man war dort recht aufgeregt, dass ein westlicher Tourist den Weg zu ihnen gefunden hatte, und brachte mir daher gleich drei Mal neuen Reis sowie extra Salat.

Dann konnte ich gut gestärkt meine Tour durch diverse Tempel fortsetzen. Da ich schon unzählige gesehen habe und mich nicht mehr für jede Kleinigkeit begeistern konnte, war das aber recht schnell abgehakt und ich begab mich Richtung Bus-Station. Dort angekommen wollte ich noch eine Kleinigkeit vor der Fahrt essen und mich außerdem mit Snacks eindecken. Zum Essen fand ich eine muslimische Imbissbude mit handgezogenen Nudeln – mein erstes Essen in China sollte auch mein letztes sein. Auch hier war die Aufregung groß, als ich eintrat, und der Besitzer wollte unbedingt ein Gespräch mit mir führen – und das auch noch über Religion und Politik. Für mehr als einen fließenden Bestellvorgang reichten meine Chinesisch-Kenntnisse nicht aus, aber er ließ sich davon nicht abbringen. Nachdem wir uns eine Stunde umständlich über eine App ausgetauscht hatten, schenkte er mir noch eine Portion Bratkartoffeln. Eigentlich war ich schon mehr als satt, aber ablehnen wollte ich das nicht. Jetzt fehlten mir nur noch die Snacks, die ich mir beim Bahnhof besorgte. Nur etwas Obst fand ich nicht. Kaum dass ich den Warteraum betreten hatte, lernte ich ein chinesisches Pärchen kennen, das mir zum Abschied einen Apfel schenkte – genau ,was ich gesucht hatte. Entweder hatte sich die ganze Stadt abgesprochen, mir ihre Gastfreundschaft zu demonstrieren, oder ich sah extrem hungrig aus.

Eine gute Grundlage hatte ich jedenfalls und das war auch mehr als nötig. Denn vor mir lagen 25 Stunden Busfahrt. Der Bus war mit richtigen Betten ausgestattet, die der chinesischen DIN-Norm von 1,70m Länge und 0,50m Breite entsprechen. Ungefähr so viel Platz hat man als Mitglied einer chinesischen Großfamilie wahrscheinlich auch Zuhause. Ich hatte das Glück, einen Platz in einem Doppelbett bekommen zu haben und das zweite Bett blieb – noch wichtiger – frei. Wir fuhren sehr zügig und mit relativ wenigen, dafür aber umso heftigeren Bremsmanövern auf einer zweispurigen Autobahn. Die Bremsmanöver sorgten jedes Mal dafür, dass man etwas weiter nach vorne rutschte. An Schlafen war in diesem Zustand nicht zu denken. Irgendwann spät in der Nacht hielt der Busfahrer auf einem Parkplatz an und schaltete den Bus aus. Endlich fand ich Schlaf.

Um fünf Uhr morgens setzte sich der zweite Busfahrer ans Steuer und setzte die Fahrt fort – allerdings erstmal nur für zwei Stunden. Wieder wurde der Bus abgestellt. Ich wusste, dass es nicht mehr weit zur Grenze sein konnte, aber von einem Grenzposten war keine Spur. Einigermaßen irritiert stieg ich also aus und stellte mich erstmal zu den anderen Insassen. Es sprach niemand Englisch und scheinbar wusste auch niemand, was zu tun war. Wir standen also einfach nur herum, bis irgendwann irgendjemand seinen Rucksack aus dem Bus holte, was wir dann alle nachahmten. Wir folgten ihm bis zur Grenze. Die Überquerung ging recht einfach: Ich wurde zwar wieder herausgepickt, musste aber lediglich zwei Fragen beantworten, um China zu verlassen, und die Grenzbeamten in Laos waren wiederum nicht unbedingt effizient, aber eifrig genug, um alle recht zügig durchzulassen.

Draußen sah die Welt komplett anders aus: In China hatten wir eine zweispurige Autobahn. Hier gab es eine kleine Landstraße. Hochhäuser standen auf der chinesischen Seite, Holzhütten auf der laotischen. Nur eines blieb: chinesische Schriftzeichen. Zu meinem Erstaunen sah ich sie während der gesamten weiteren Fahrt immer wieder – selbst als wir in Luang Prabang angekommen waren.

Dort traf ich auch einige chinesische Touristen, die hier mit ihren Familien ihre Ferien genossen, aber auch den einen oder anderen Ladenbesitzer, der offensichtlich chinesischer Herkunft war. Als ich einen Ausflug zu einem kleinen Dorf in der Nähe von Luang Prabang unternahm, fragte ich schließlich die dortige Schmuck-Designerin. „Ja, ich bin Chinesin. Sehr viele Bewohner in diesem Dorf sind chinesisch“, erklärte sie mir daraufhin.

Laut Wikipedia stellen Chinesen derzeit 2% der laotischen Bevölkerung. Der Anteil scheint aber in den letzten Jahren angestiegen zu sein, wie mir ein Tour Guide berichtete. Über die Immigranten zeigte er sich nicht sonderlich erfreut. „Chinesen sind meist besser gebildet und gut bezahlte Jobs gehen jetzt an sie statt an Laoten“, meinte er. „Wenn sie selbst ein Geschäft betreiben, stellen sie nur Chinesen ein. Das liegt auch an der Sprachbarriere: Chinesen sprechen nur Chinesisch und Laoten können kein Chinesisch.“

Ganz besonders deutlich wird dieser Umstand am Bau der Zugstrecke von Kunming nach Vientiane. Die Kosten werden zu 70% von China übernommen, obwohl die Strecke in etwa 50:50 durch beide Länder führt. 30% von 5,7 Milliarden USD sind aber immer noch 1,71 Milliarden USD und machen Laos zum viert stärksten verschuldeten Land der Welt. Die jährlichen Zinsen machen etwa 20% der jährlichen Staatsausgaben aus und wandern direkt nach China – die Kredite stammen selbstredend von chinesischen Banken. Unter’m Strich also ein gutes Geschäft für das Reich der Mitte.

Der Bau der Eisenbahn wird von chinesischen Firmen organisiert, die dafür chinesische Arbeiter angestellt haben. Im Wohnhaus meines Tour-Guides wohnt seit Kurzem eine ganz Handvoll von ihnen, mit denen er sich durchaus gut versteht. Deswegen wusste er auch, dass sie pro Tag mehr verdienen als er pro Monat. Sie werden noch eine Weile bleiben. Die Eröffnung der Strecke ist für 2021 geplant. Chinesische Züge fahren gemütliche 300km/h, sind pünktlich und sehr bequem, wie ich in den letzten Wochen erfahren durfte. Die Fahrt dürfte dann nicht mehr 25 Stunden dauern, sondern nur noch wenige Stunden.

Minority Report

Shangri-La, das klingt nach Erholung, Erleuchtung und ein wenig Exotik. Dabei handelt es sich um einen Marketing-Gag. In einem Roman von James Hilton trug ein paradiesischer Ort jenen Namen, ohne dass damit unbedingt das damalige Zhongdian gemeint gewesen wäre. Die Einheimischen sagen natürlich, dass sich der Autor an buddhistischen Schriften orientiert hätte. Um den Tourismus anzukurbeln, wurde die Stadt daher kurzerhand umbenannt. Eventuell handelt es sich aber auch eher um ein Henne-Ei-Problem. Schließlich findet man in Shangri-La auch alles das, was man sich unter dem Namen vorstellt. Mir war es egal.
Bereits als ich das erste Mal auf der Suche nach meinem Hotel durch die Altstadt schlenderte, fühlte ich mich in den Bann gezogen. Kleine Gassen mit Cafés, Restaurants und Geschäften erinnerten mich an Lijiang und Dali, aber alles trug diesen tibetischen und buddhistischen Nimbus, den ich auch schon in Xiahe, beim Kloster Labrang gemocht hatte.

Im Zentrum des Ortes steht eine riesige Gebetsmühle. In China trägt alles einen Superlativ – das größte, schwerste oder schönste der Welt. Als ob man überall demonstrieren möchte, dass man ganz weit vorne liegt. In diesem Fall handelt es sich um die größte und sicherlich auch schwerste Gebetsmühle auf diesem Planeten. Mindestens sechs Menschen sind notwendig, um sie zu drehen. Ich reihte mich unter die Drehenden. Wenn alle Positionen besetzt waren, ging das Drehen denkbar einfach, aber sobald fünf Leute ausscherten, wurde das Ganze harte Arbeit. Wer nicht genügend Mitstreiter findet, um die Mühle zu drehen, der kann übrigens auch einfach um sie herum laufen. Das hat in etwa den gleichen Effekt.

Am nächsten Morgen besuchte ich das Ganden Sumtseling Kloster mit einigen großen Tempeln. 146 Stufen musste ich zunächst erklimmen, bis ich zur Haupthalle kam. Von oben hatte ich eine schöne Aussicht auf die Stadt und besichtigte im Uhrzeigersinn die verschiedenen Tempel mit goldenen Buddhas in allen Größen, tibetischen Fahnen und bunten Wandmalereien, die Buddhas oder ihre Lebenswege nachzeichneten. Im Kloster leben auch einige Mönche, die in den Tempeln ihrem Alltag nachgingen. In einem Tempel machten sie Musik. Es gab einen Bläser, der den Ton angab, und die restlichen Mönche schlugen in rhythmischen Pausen auf ihre Trommeln. Im nächsten Tempel wurde meditiert. Auch hier gab es einen Mönch, der den Ton angab und lautstark Gebete murmelte oder sang – ganz sicher war ich mir nicht. Der Rest war tief versunken oder eingeschlafen – auch hier war mir nicht ganz sicher.

Anschließend lieh ich mir in der Stadt ein Fahrrad aus und fuhr zum Napahai See. An den Ufern grasten Yaks, Pferde und Schweine. Leider konnte ich nicht einfach um den See herumfahren, wie ich mir das vorgestellt hatte. Bereits nach kurzer Zeit sollte ich Eintritt bezahlen, um direkt ans See-Ufer zu gelangen. Auch wenn es nur rund 4 Euro gewesen wären, hatte ich darauf keine Lust, drehte stattdessen um und fuhr in der Umgebung noch einen kleinen Schlenker.

Das Kloster wird auch Little Potala Palace genannt
Der Aufstieg ist ohne Sauerstoff kaum zu schaffen.

Am Nationalfeiertag fand ein kleines Festival der Minoritäten statt. In der Region leben 25 unterschiedliche Völker – u.a. Tibeter, Bai, Naxi und natürlich auch Han Chinesen. Sie kamen alle in ihrer traditionellen Tracht, die meist sehr bunt und reich verziert war. Pelzmützen trugen die einen, spitz zulaufende Mützen die anderen. Es gab Frauen mit bunten Tüchern und Männer mit Schwertern. Zunächst liefen sie einzeln ein und führten ihre Volkstänze auf. Als alle auf ein Zeichen mit kleinen chinesischen Flaggen wedelten, bekam ich den Eindruck, dass hier eigentlich ein Werbevideo gedreht werden sollte.

Gefeiert wurde das 70-jährige Bestehen der VR China. Angesichts der langen Geschichte des Reichs der Mitte erschienen mir 70 Jahre wie ein Wimpernschlag und auch die Traditionen der Minoritäten waren deutlich älter. Für die Führung in Peking war es dennoch Anlass genug, das ganze Land zu schmücken und eine bombastische Militärparade in Peking aufzubieten. Andere Traveller hatten mir berichtet, dass für die Proben bereits Wochen zuvor der Platz des Himmlischen Friedens gesperrt worden war.

Ich besuchte noch zwei Museen in der Stadt: das Deqing Museum zeigte die Lebensweise der Völker seit der Steinzeit und das Rote Armee Museum die Geschichte des langen Marsches und wie die Soldaten über die Gebirgspässe in Tibet zogen. Als ich das Museum verließ, hatte sich das Festival auf einen kleineren Platz verlagert. Jetzt tanzten alle Völker ungezwungen gemeinsam. Sie bildeten Kreise und liefen rhythmisch umher. Den einen oder anderen Tanzschritt hatte ich auch schon bei den morgendlichen Tanzstunden in diversen chinesischen Parks gesehen. Ich beobachtete das bunte Treiben, bis ich zu meinem Bus musste, der mich wieder zurück nach Kunming bringen sollte.

Auf den Spuren eines Tigers

Von Kunming, der Hauptstadt Yunnans, habe ich nicht viel gesehen. Ich kam erst am Abend an und am nächsten Tag hatte ich zwar noch einen halben Tag Zeit, aber die Galerie, die ich mir ansehen wollte, war kürzlich umgezogen. Noch dazu regnete es durchgehend. Entsprechend war ich froh, als ich im Zug nach Dali saß.

Die Altstadt in Dali lädt zum Flanieren ein
Photoshooting für das Hochzeitsalbum

Dali ist eine Kleinstadt etwa 300km nordwestlich von Kunming mit einer wundervollen Altstadt. Ja, tatsächlich, es gibt in China Altstädte. Lauter kleine Häuser und Gassen mit kleinen Geschäften, Cafés und Restaurants wollten dort erkundet werden. Das Touristenaufkommen aus dem Inland hielt sich in einem erträglichen Maße zurück. Natürlich gab es auch hier einige Reisegruppen und dazu jede Menge Hochzeitspaare, die für ihr Photoshooting kamen. 

Die ursprünglichen und immer noch vorherrschenden Bewohner von Dali gehören den Bai an. Ihre Häuser waren reich verziert mit Gemälden an den Fassaden – manche davon in einem traditionellen Stil und manche eher modern. Direkt neben der Altstadt bewirtschafteten zahlreiche Kleinbauern ihre Felder. Jeder hatte nur einen kleinen Acker und baute dort Reis oder Gemüse an. Die Ernte legten die Bauern einfach auf der Straße zum Trocknen aus.

Die Altstadt von Lijiang ladt ebenfalls zum Flanieren ein
Eine Geschichte erzählt in der Naxi Sprache. Für 1723 Reiskörner kaufte ein geschickter Händler 180 Kühe, die er bei einem Minigolfturnier verlor. Später kaufte er sie für 1944 Reiskörner zurück
Der gleiche Text in chinesischen Schriftzeichen

Meine Reise ging weiter mit dem Bus ins 160km nördlich gelegene Lijiang, ebenfalls eine Kleinstadt mit einer schönen Altstadt. Auch hier war die Altstadt geprägt von kleinen Geschäften, Cafés und Restaurants. Dazu gab es noch ein paar Tempel und einen schönen Markt. Im Unterschied zu Dali gehörte die Bevölkerung Lijiangs jedoch zum Großteil den Naxi an. Dieses Volk hatte eine eigene Religion und auch eine eigene Schrift, die im zugehörigen Museum als „sehr primitiv“ beschrieben wurde. 
Drei Tage verbrachte ich mit Stadtbummeln: Flanierte durch die Gassen, trank einen Café, aß Nudelsuppe und schaute mich in den Geschäften um. Danach war es aber auch genug mit Bummelei. Als nächste Station wollte ich die Tigersprungschlucht besuchen.

Es handelt sich um die tiefste Schlucht der Welt. Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten, die Schlucht zu besichtigen. Entweder wählt man den High Trail aus, einen Wanderweg, der oberhalb der Schlucht verläuft und einem wunderschöne Ausblicke bietet. Oder man lässt ich vom Bus zum Scenic Spot fahren und macht Photos direkte am Yangtse. Internationale Touristen wählen den Wanderweg, während die meisten Chinesen mit dem Bus zum Scenic Spot fahren. In meinem Bus aus Lijiang saßen eine Gruppe Franzosen, zwei Slowenen, ein Pärchen aus Kanada/Neuseeland sowie ich. Kaum waren wir ausgestiegen, bildete sich auch schon ein Gruppengefühl. Wir hatten für die nächsten zwei Tage schließlich alle das gleiche vor. Ich deponierte meinen großen Rucksack in einem Kiosk, nachdem man mir versicherte, dass der Bus, den ich aus der Schlucht am nächsten Tag nehmen wollte, hier wieder anhalten würde, und schon ging es los.

Auf den ersten Metern tauschten wir uns angeregt über unsere bisherigen Reiserouten und weiteren Pläne aus, bis die Gespräche allmählich einem anstrengenden Stöhnen wichen. Es ging steil bergauf. Etwa eine Stunde brauchten wir für den Aufstieg, wurden dafür aber mit der ersten Aussicht auf die Schlucht belohnt. Oben angekommen nahmen wir die Gespräche schnell wieder auf. Nun erzählte jeder, was er in diversen Blogs oder seinem Reiseführer über die Tour gelesen hatte. Es sollte nur ein einziger schwerer Anstieg zu Beginn sein, war die einhellige Meinung. Anschließend würde der Pfad auf diesem Level als Panoramaweg weiterführen. 
Entsprechend verwirrt waren wir, als es bergab ging. Nicht nur ein paar Meter. Wir bewegten uns bis auf unser Ausgangsniveau hinunter, nur um von dort in 28 Kehren noch einmal hochlaufen zu müssen. Auf dem Weg lagen immer wieder kleine Stände mit Früchten, Wasser und anderem Proviant, um die Anstrengung überstehen zu können. Eine Stunde später waren wir oben angekommen und nun ging es auch wirklich nicht mehr bergab. Stattdessen liefen wir auf dem ersehnten Panoramaweg, bis wir am späten Nachmittag beim Teahorse Guesthouse ankamen. Die französische Reisegruppe hatte dieses Gasthaus bereits vorab gebucht und der Rest schloss sich spontan an. Das Gasthaus kam uns vor wie das Paradies: Auf der Terrasse genossen wir erst den Blick auf die Berge und später den Sternenhimmel.

Für das leibliche Wohl wird gesorgt

Am zweiten Tag stand die Wanderung zu dem Gasthaus an, von dem der Bus abfuhr. Da wir zu unterschiedlichen Uhrzeiten aufstanden, verlor sich unsere Gruppe. Der Weg bot alles, was man von einem Panoramaweg erwartet. Zwischendurch sorgten Wasserfälle oder eine Herde Ziegen, die sich auf dem Wanderweg gemütlich gemacht hatte, für Abwechslung. Drei Stunden später war ich auch schon bei dem Gasthaus angekommen, hatte aber noch genug Zeit, um runter zum Fluss zu laufen, zu dem Stein, an dem der Legende nach ein Tiger einst die Schlucht übersprungen hat. 

Unzählige Treppenstufen ging es dafür hinab und als kleine Attraktion hatten die Chinesen eine Sky Ladder aufgebaut: eine Leiter, die 30m im Grunde senkrecht nach unten führt. Ich vermisste hier zwei Dinge: eine Sicherung und das Schild, dass es sich um die längste Leiter der Welt oder zumindest ein UNESCO Welterbe handeln würde. Der Abstieg war mir nicht ganz geheuer, aber solange ich nicht nach unten schaute, sondern einfach einen Schritt nach dem anderen machte, war alles in Ordnung. Unten angekommen musste ich nur noch ein paar weitere Treppenstufen bezwingen, bis ich endlich auf dem Stein stand. Das Tosen des Yangtse übertönte das Klicken der Photoapparate. Aber wer bislang gut aufgepasst hat, kann sich denken, dass die meisten Chinesen nicht an dieser schwer zugänglichen Stelle standen. 

Von der Tigersprungschlucht aus ging es für mich weiter nach Shangri-La. Ach ja, meinen Rucksack musste ich auf dem Weg noch abholen. Ich erklärte dem Busfahrer, dass ich meinen Rucksack am Eingang zum Wanderweg deponiert hatte. Kein Problem, meinte er. Als wir am Supermarkt vorbei fuhren, gab ich ihm zwar Bescheid, ließ mich aber recht leicht abwimmeln, da ich mir auch nicht mehr ganz sicher war, wo der Supermarkt lag. Fünf Minuten später stellte sich heraus, dass er gedacht hätte, mein Rucksack wäre im Gasthaus beim Ticketschalter. Da hatten andere Backpacker ihr Gepäck verstaut. Aber kein Problem. Wir fuhren wieder zurück zum Supermarkt, wo die Verkäuferin auch schon mit dem Rucksack in der Hand auf uns wartete, und setzten die Fahrt fort.

Sonnenaufgang beim Gasthaus
Die Sky Ladder führt 30m nach oben bzw. unten

Geldscheinmotive am Li River

Von Zhangjiajie fuhr ich mit dem Bus nach Changsha und von dort aus mit dem Zug weiter nach Guilin. Die Stadt liegt am Li River in einer Landschaft von Karst Hügeln und hat 5 Millionen Einwohner. Für chinesische Verhältnisse also eine Kleinstadt. Besonders der Tourismus floriert in dieser Gegend. Guilin ist für viele der Ausgangspunkt zu einer Flussfahrt ins nahe gelegene Yangshuo, wo auch ich hinwollte. Allerdings nahm ich nicht das Schiff, sondern am nächsten Tag den Bus.

Yangshuo wiederum ist mit 500.000 Einwohnern für chinesische Verhältnisse ein Dorf. Mein Hotel befand sich gegenüber von der Innenstadt auf der Nordseite vom Fluss. Morgens weckten Rufe von Hähnen, allerlei Schmetterlinge flogen durch den Garten und jeder Einwohner kümmerte sich tagsüber um seine Gemüsebeete. Ich fühlte mich wirklich wie auf dem Land.
Chinesische Touristen zieht es nach Yangshuo, um sich abends eine Show direkt am Fluss anzuschauen. Regisseur ist Zhang Yimou, der auch für House of Flying Daggers Regie geführt und die Eröffnungsfeier der olympischen Spiele in Peking 2008 inszeniert hatte. Ausländische Touristen dagegen machen meist einen Kochkurs und genießen die schöne Landschaft.

Hier wird sehr ernsthaft gespielt
Am Abend wird Yangshuo erleuchtet

Ich hatte im Reiseführer einen Anbieter für einen Kochkurs gefunden und mich direkt dafür angemeldet. Fünf Gerichte standen auf dem Programm: Dumplings, gebratene Aubergine, Hühnchen mit Gemüse im Wok, ein Salat und als Highlight Bier-Fisch. Eine junge chinesische Köchin erklärte der kleinen Gruppe aus vier Deutschen, einem italienisch-französischen Pärchen und mir, was wir zu tun hatten. Anschließend sollten wir die Schritte nachmachen. Einen Augenblick schauten wir uns nach den Erläuterungen immer fragend an: „Welches Gemüse sollten wir noch gleich als erstes in den Wok werfen?“ Trotz leichter Unsicherheiten gelang alles problemlos und ich konnte einige Anregungen für das eigene Kochen mitnehmen. Bier-Fisch ist eine lokale Spezialität, die ich auch schon in den Restaurants angepriesen bekommen hatte. Für die Zubereitung wird tatsächlich Bier mit in den Wok gegossen, das aber im weiteren Verlauf komplett verdunstet, und es hat auch keiner Bier-Aromen herausschmecken können.

Nach dem kulinarischen Ausflug folgte am nächsten Tag die Erkundung der Landschaft. Dazu lieh ich mir in meinem Hotel ein Fahrrad aus und suchte als erstes Ziel einen Aussichtspunkt heraus, von dem man die Landschaft vom 20 Yuan Schein sehen kann. Die Route führte mich über Landstraßen und kleinere Dörfer, die mir wirklich wie Dörfer vorkamen, zu der berühmten Stelle. Sie wird auch von den Schiffen passiert, die aus Guilin kommen. Ich stellte mein Fahrrad ab, um ein Photo zu machen, und wollte natürlich gerne eines ohne Schiffe haben – keine Chance. Die Schiffe fuhren wie auf einer Perlenkette hintereinander. Größere Lücken wurden nicht gelassen. Am Abend erklärte mir ein australisches Ehepaar, das eben diese Schifffahrt unternommen hatte, dass die meisten Schifffahrer am Abend die Show besuchen würden. Es musste sich also um eine Großveranstaltung ähnlich einem Spiel in der Fußball-Bundesliga handeln. Von dem Aussichtspunkt fuhr ich noch etwas weiter am Fluss, ehe ich einem Rundweg um die Karsthügel folgte. Am Wegesrand lagen Maisfelder, Teeplantagen sowie allerlei weitere Felder und am Fluss kühlten sich Wasserbüffel ab.

Wer nicht in der Landwirtschaft tätig war, der kümmerte sich um Touristen oder den Straßen- und Hausbau. Neue breite Straßen, moderne Wohnhäuser und Hotelanlagen entstanden hier. Die Bauindustrie in China scheint blendend zu laufen. Ich habe bislang jedenfalls noch keine Stadt gesehen, in der nicht eifrig neue Straßenzüge hochgezogen werden. Fast könnte man denken, dass jeder Chinese zum 70. Geburtstag der Volksrepublik ein eigenes Häuschen bekommen soll. Am 1. Oktober wird dieses Jubiläum gefeiert und dafür werden überall bereits seit Wochen Fahnen und Plakate aufgestellt. In dieser Woche hat ganz China außerdem Ferien. Ganz China? Polizisten sind von der nationalen Urlaubswoche ausgenommen. Ihre Präsenz hat in den letzten Tagen merklich zugenommen. Ansonsten gab es für mich aber auf der Reise noch keine Einschränkungen. Was in Yangshuo am 1. Oktober passiert, werde ich nicht mehr mitbekommen. Mein Zug ging am nächsten Tag nach Kunming, der Hauptstadt der Provinz Yunnan, in der ich den Feiertag verbringen werde.

Dieses Photo nimmt jeder Besucher von Yangshuo auf
Zum Vergleich: Das Motiv auf dem 20 Yuan Schein
Die bisher einfachste Bestellung: Ich sagte ein paar Gemüsesorten auf und die wurden dann für mich zubereitet

Auf dem Film-Set von Avatar

Workout of the day: Treppensteigen. Der Wanderweg in Zhangjiajie bestand eigentlich aus nichts anderem als Steintreppen. Für eine Stunde ging es so bergauf. Unterbrochen nur für kurze Abschnitte, in denen man auf ebenem Gelände ging. Oben angekommen war mein T-Shirt durchgeschwitzt. Aber der Aufstieg hat sich gelohnt: Felstürme aus Sandstein ragten wie Wolkenkratzer in den Himmel, bewachsen von dichtem Wald. Manche Türme standen einzeln, manche in Gruppen, manche ähnelten einem Berg, nur dass sie schmaler waren. Ich genoss auf einer kleinen Plattform am Wegrand die Aussicht auf die spektakuläre Landschaft.

Die Türme haben sich im Laufe der Zeit durch Verschiebungen der Erdkruste gebildet. Die meisten formierten sich zu einem Wald aus Steintürmen, aber einige stehen ganz alleine, was auf den ersten Blick rätselhaft aussieht. Wie sind sie dorthin gekommen? Die Antwort ist denkbar einfach: Manche Türme sind irgendwann eingestürzt, so dass andere eben nun alleine stehen. Der Legende nach hat James Cameron diese Landschaft als Inspiration für den Film Avatar genommen. Die Chinesen sind darauf so stolz, dass sie eine Aussichtsplattform „Avatar“ benannt haben und allgemein ist der Nationalpark unter dem Namen Avatar Mountains fast besser bekannt.

Ich lief weiter auf dem Wanderweg und hörte plötzlich Stimmen, laute Rufe, Trillerpfeifen. Eine Minute später war ich umringt von chinesischen Touristen. Angeführt wurden sie von einem Guide mit Mikrophon, der pausenlos irgendetwas zu erzählen wusste. Damit seine Gruppe ihn auch ja wiederfindet, hielt er eine Fahne in die Höhe. Und damit er seine Gruppe wiederfindet, trugen alle die gleiche Mütze – rote Kappen, orangene und ganz wilde Gruppen hatten ein Muster aus Blumen aufgedruckt. Gemeinsam war allen, dass sie mit Begeisterung ihre Mützen trugen und überhaupt schienen sie sich in der Gruppe wohl und stark zu fühlen.

„Es ist gefährlich im Park. Man kann sich leicht verlaufen, wenn man alleine unterwegs ist“, meinte eine Chinesin im Shuttle Bus zu einem anderen Traveller, den ich beim Abendessen kennenlernte. Daher hatte sie sich für die Gruppenreise entschieden. Es war natürlich nicht gefährlich und geradezu unmöglich, sich zu verlaufen. Die Wanderwege sind mit Steinen ausgebaut und an ihrem Rand befindet sich fast überall ein Geländer, so dass man den Weg nicht verlassen kann. Reine Natur scheint den Chinesen unbehaglich zu sein.

Man hatte die Wahl, ob man Treppensteigen oder eine Seilbahnfahrt unternehmen möchte. Für einen besonders steilen Aufstieg gab es einen Aufzug. An allen möglichen Orten konnte man sich an Essensständen stärken und an den am meisten frequentierten Punkten sogar bei McDonald’s und KFC einkehren. Vermisst jemand Starbucks? Keine Sorge, die Filiale wird gerade am Eingang zum Nationalpark gebaut.
Zhangjiajie ist eine der beliebtesten Reisedestinationen Chinas und legt ein unfassbares Wachstum in den Besucherzahlen hin. 2011 strömten 30 Millionen Menschen dorthin, 2016 waren es 60 Millionen. Insgesamt wächst der chinesische Tourismus jährlich um etwas 12%. Die meisten Besucher in Zhangjiajie kommen aus dem Reich der Mitte. Für 2011 wurden immerhin 6% ausländische Besucher kommuniziert, wobei der Großteil dieser Gruppe aus Hongkong oder Taiwan kommt. Wieviele Amerikaner, Europäer oder Australier in den Park reisen ist mir leider nicht bekannt.

Seit 2009 ist der Nationalpark von der UNESCO als Weltnaturerbe ausgezeichnet und das wurde mir nicht nur mit jedem Erklärungstext vermittelt, sondern das Logo der UNESCO fand ich auch auf jedem Hinweisschild im Park. Man scheint sehr stolz zu sein auf diese internationale Auszeichnung. Diesen Stolz nahm ich nicht nur in Zhangjiajie wahr, sondern hatte ich auch schon in Dunhuang oder Xi’An bemerkt. Als ob man den Chinesen unbedingt versichern möchte, dass es in ihrem Land international anerkannte Sehenswürdigkeiten gibt.

Drei Tage verbrachte ich im Nationalpark, um die verschiedenen Abschnitte des 264km² großen Areals kennenzulernen. Da es Shuttle Busse im Park gibt, kann man ihn sehr leicht erkunden. Glücklicherweise hielten sich die Reisegruppen nur in der Nähe der Seilbahnen auf, die natürlich zu besonders schönen Punkten führte. Aber wenn ich nur 10m in Richtung Treppenstufen lief, hatte ich die Aussicht für mich. Auf den beschwerlichen Wanderwegen traf ich die Gruppen nie, sondern nur vereinzelt Chinesen, die individuell reisten.

Hin und wieder traf ich Affenbanden, die auf der Suche nach Essen von Ast zu Ast sprangen. Man soll die Makaken nicht füttern, stand überall auf Schildern, aber die Chinesen schien das wenig zu beeindrucken. Ich sah mehr als einmal, dass man ihnen begeistert etwas Obst oder gar Essen in Plastikverpackung hinwarf. Da sie auf diese Weise genug zu essen bekamen, waren sie ansonsten aber nicht weiter aufdringlich und verhielten sich friedlich. Es gab genügend Affen, dass ich täglich mindestens einmal welche traf, aber es waren auch nicht so viele, dass man von einer Plage hätte sprechen können. Obwohl die Chancen sie zu treffen, sehr gut standen, hielt die Parkverwaltung es dennoch für nötig, ein paar Affen in einen Käfig zu sperren. Im Monkey Park nahe einer Seilbahn sah ich dieses kleine Gehege, das mich mit einem traurigen Gefühl hinterließ. Auch andere Touristen aus Deutschland und den USA waren befremdet von diesem Anblick, aber für die Chinesen schien es eine nette Attraktion zu sein. Das Verhältnis zur Natur scheint für sie ein anderes zu sein als für uns. Natur ist ein Konsumgut, das möglichst convenient sein soll.

Von friedlichen Kriegern und kampfbereiten Mönchen

Von Xiahe aus fuhr ich mit Bus und Zug weiter nach Xi‘An, bekannt für die Terrakotta-Armee. Ich machte mich entsprechend direkt am ersten Tag auf, um mir die Krieger näher anzusehen. Da ich bei solchen Sehenswürdigkeiten häufig die Erfahrung gemacht habe, dass man nur mit eigenen Augen das sieht, was man auf vielen Photos auch schon gesehen hat, war meine Erwartungshaltung relativ gering. Life Changing war es denn auch nicht, als ich in den drei Hallen vor zum Teil bereits restaurierten und zum Teil noch in der Restauration bzw. Ausgrabung befindlichen Kriegern stand. Und dennoch war der Eindruck, den ich vor Ort gewann, etwas detaillierter als das, was ich von Photos kannte. Die schiere Anzahl Soldaten ist schon beeindruckend, aber mit welcher Detailtiefe sie auch noch gestaltet wurden, begreift man erst, wenn man sie in Reih und Glied vor sich sieht. Es überraschte mich auch, wie friedlich und gelassen sie dastehen, obwohl sie sich bereits zum Kampf aufgebaut haben.

Die Kommandozentrale der Armee – zum Großteil agiert sie kopflos

Am zweiten Tag streifte ich durch die Stadt, besuchte Tempelanlagen, Moscheen und die Stadtmauer. Xi‘An war einst die Hauptstadt des chinesischen Reichs und konnte sich einige historische Gebäude bewahren. Zwischen all den historischen Gebäuden stehen jede Menge moderne Hochhäuser vollgepackt mit internationalen Ketten: Zara, Nike und natürlich auch Starbucks. Für mich machte das den Charme der Stadt ein wenig kaputt.

Zum Essen ging ich ins muslimische Viertel, wo an allerlei Straßenständen Brot, Fleischspieße oder Tofu angeboten werden. Die muslimische Bevölkerung Xi’Ans gehört zur Volksgruppe der Hui, die den Han Chinesen ähneln und sich vor allem durch ihren Glauben unterscheiden. Einige Köstlichkeiten der Uiguren wie Laghman findet man daher hier nicht, aber ich sah viele bekannte Gerichte. Nur die Atmosphäre und leider auch die Qualität des Essens reichte nicht an meine bisherigen Stationen heran. Das Brot war nicht frisch gebacken und der Tofu nicht so gut gewürzt.

Außerhalb des muslimischen Viertels sah ich auch immer wieder Frauen mit Kopftuch und Männer mit den typischen muslimischen Hüten. Nach zwei Tagen fiel mir aber auch auf, dass sich die Han- und Hui-Chinesen recht wenig untereinander mischen und eher friedlich nebeneinander her leben. Besonders augenfällig war das in den Parks, wo sich die Bevölkerung morgens zum Sport und abends zum Kartenspielen traf. An der einen Bank unterhielten sich Muslima, am nächsten Baum spielten Han Chinesen Schach und bei den morgendlichen Zumba-Übungen machten Hunderte Chinesen fröhlich mit, aber jemanden mit Kopftuch suchte ich vergeblich.

Außer Sightseeing musste ich in Xi’An Reiseplanung betreiben. Mein ursprünglicher Plan sah vor, dass ich von hier aus direkt nach Zhangjiajie fahre. Als ich den Zugplan im Detail studierte, musste ich jedoch feststellen, dass es eine einzige Verbindung gibt. Dafür hätte ich um 1 Uhr nachts in einen Zug einsteigen müssen und wäre dann um 19 Uhr abends wieder ausgestiegen. An sich wäre das noch in Ordnung gewesen, aber es gab nur noch harte Sitze zu kaufen und die Vorstellung 18 Stunden auf einem Quadratmeter zu sitzen und wahrscheinlich keine Minute Schlaf zu bekommen, schreckte mich dann doch etwas ab. Ich suchte daher nach einer Zwischenstation und stieß auf das Shaolin Kloster nahe Zhengzhou.

Zhengzhou selbst hat keine, wirklich gar keine Sehenswürdigkeiten zu bieten. Es gibt jede Menge Hochhäuser – ähnlich wie in Ürümqi ist alles recht neu und es werden weitere gebaut. Ich studierte ein paar Websites, auf denen die Anfahrt zum Shaolin Kloster beschrieben wird und prüfte den Wetterbericht: aktuell 0% Regenwahrscheinlichkeit, über den Tag verteilt maximal 20%. Ein Blick aus dem Fenster genügte, um festzustellen, dass es in Strömen regnete und ich den weiteren Informationen nicht vertrauen könnte. Von der U-Bahn Station am Bahnhof sollte es aber auch nicht weit zum Busbahnhof sein, so dass ich mir keine weiteren Sorgen machte.

Auch das war leider nicht ganz richtig. Chinesen bauten schon immer gerne Mauern und heutzutage Absperrungen. Anstatt den direkten Weg zum Busbahnhof nehmen zu können, wurde ich immer wieder von Zäunen aufgehalten. Wo es einen Weg gab, gab es auch eine Sicherheitskontrolle, die dann immer nur in die eine, für mich falsche Richtung durchquerbar war. Nach einer halben Stunde entdeckte ich eine Tourist Information und man erklärte mir, dass ich am besten eine Station mit der U-Bahn zurückfahren und von dort aus laufen sollte.

Am Busbahnhof selbst lief dann alles wieder reibungslos. Eine Dame vom Sicherheitspersonal nahm mich direkt an die Hand und stellte mich neben einen Inder, der einzige andere westliche Tourist weit und breit, der ebenfalls zum Kloster wollte. Auf der anderthalbstündigen Busfahrt freundeten wir uns schnell an. David, so sein englischsprachiger Name, befand sich geschäftlich in Zhengzhou und war großer Fan von Kung-Fu Filmen.

Gemeinsam erkundeten wir die buddhistischen Tempel mit großen Buddha-Statuen und einigen furchteinflößenden Gestalten am Eingang zum Kloster, die sofort zum Angriff bereit waren. Wahrscheinlich übten sich die Mönche einst in Kung Fu, um sich gegen solche Gestalten zur Wehr zu setzen. Highlight des Klosters ist eine Kung Fu Show jugendlicher Mönche. David und ich bekamen recht schlechte Plätze in der hinteren Reihe, wurden aber von freundlichen Chinesen weiter nach vorne gelassen, damit wir eine bessere Sicht hätten.

Die durchtrainierten Mönche machten Saltos, zerbrachen Eisenstäbe nur mit ihren Händen und wirbelten mit Schwertern umher. Dazwischen vollführten sie noch ein paar Bewegungen, die mich an Breakdance erinnerten. Ich bin nicht sicher, wer sich da von wem etwas abgeschaut hatte. Je länger ich den Mönchen zusah, desto weniger konnte ich mir vorstellen, dass sie tiefgläubige Buddhisten waren. Sie wirkten auf mich eher wie Profi-Sportler, die eventuell auf eine Karriere als Schauspieler in Kung-Fu Filmen hinarbeiteten. Wie auch immer, David und ich waren tief beeindruckt von ihrer Flexibilität, Körperkontrolle und puren Athletik.

Dieser Mönch verbiegt die Speere, mit denen er angegriffen wird

Anschließend wollten wir zurück nach Zhengzhou fahren. Ich hatte im Internet gelesen, dass der letzte Bus von Zhengzhou zum Kloster mittags fährt. Nachdem wir im Bus insgesamt nur zu sechst waren, beschlich mich das Gefühl, dass wir nicht einfach wieder den gleichen Bus wieder zurück nehmen könnten. Wir suchten an der Stelle, wo wir ausgestiegen waren, nach dem Bus nach Hause, aber es war weit und breit nichts in Sicht, und wir waren uns auch nicht mehr ganz sicher, wo wir genau ausgestiegen waren. Wir fragten uns etwas durch und man bestätigte uns, wo der Bus normalerweise abfährt, aber nach ein paar weiteren Fragen kriegten wir schnell raus, dass der letzte Bus bereits abgefahren war.
David hatte auf einem Blog eine Beschreibung gesehen, bei der man erst nach Dengfeng, einer Stadt in der Nähe, fährt und von dort aus mit einem Linienbus nach Zhengzhou. Nur wo ist die Haltestelle für die Busse nach Dengfeng? Ein hilfsbereiter Chinese erklärte uns nicht nur wortreich, wo die Haltestelle ist, sondern begleitete uns auch direkt dorthin, um sicherzugehen, dass wir sie wirklich finden. An der Bushaltestelle hatten wir dann nochmal Glück: Ich erwähnte gegenüber der Busfahrerin, dass wir eigentlich nach Zhengzhou wollen, und in der Nähe stand ein Fahrer von einem Shared Taxi, das nach Zhengzou fuhr und noch genau zwei Plätze frei hatte. Es regnete weiterhin in Strömen und wir waren heilfroh, so komfortabel zurück zu kommen.

Ich habe in diesem Eintrag bereits mehrfach freundliche Chinesen erwähnt und ich möchte daher die Gelegenheit nutzen, um auf ihre Hilfsbereitschaft hinzuweisen. Immer wenn ich die Bushaltestelle oder einen Geldautomaten nicht finde oder mir nicht sicher bin, ob ich im richtigen Wartebereich stehe, helfen mir zuvorkommende Chinesen. Die meisten sprechen kein Englisch, aber mit Übersetzungsapps oder ein paar Wörtern können wir uns meistens gut genug austauschen. Und wenn ich nach ihrer Erklärung nicke, dass ich es verstanden habe, geben sie mir 10 Minuten später immer noch ein Zeichen, dass der Check-In von meinem Zug begonnen hätte, oder begleiten mich zu dem Geldautomaten, der Bushaltestelle oder was auch immer ich gerade suche.

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