Grenzerfahrungen

Die Zugfahrt von Almaty nach Ürümqi dauerte ca. 26 Stunden – davon 8 Stunden von Almaty zur chinesischen Grenze, 4 Stunden Sicherheitskontrolle, 3 Stunden Aufenthalt am netten Grenzort und weitere 11 Stunden von der Grenze nach Ürümqi. Ich hatte bei meiner Reisevorbereitung gelesen, dass dies die einfachste Möglichkeit wäre, die Grenze zu überqueren – sofern man nicht fliegt – und es verlief auch tatsächlich sehr entspannt. Noch vor Abfahrt lernte ich am Bahnhof meinen Roomie kennen: Jonathan aus Texas hat gerade das College abgeschlossen und reist derzeit für fünf Monate durch Europa und Asien. Der erste Teil der Fahrt war ansonsten recht unspektakulär. Die Landschaft um uns herum sah immer gleich aus: flaches Land, im Hintergrund Berge. Den Fortschritt konnte man nur erkennen, wenn man auf maps.me den Standort verfolgte.

An der Grenze wurden wir zunächst von den kasachischen Beamten befragt, bevor wir auf chinesischer Seite aus dem Zug aussteigen sollten. Erste Überraschung: Im gesamten Zug saßen lediglich 8 Passagiere. Ein älteres Ehepaar aus London, ein Singapurer auf Tour von Europa nach Hause, zwei Niederländer, die für ein Jahr die Welt bereisen, ein Chinese, Jonathan und ich. Die Beamten nahmen sich für jeden von uns ausreichend Zeit. Nachdem alle Formalitäten geklärt waren, schlug der Chinese vor, dass wir in ein Restaurant in der Nähe gehen könnten. Wir waren alle hungrig und die Aussicht, sich vor der Weiterfahrt die Füße zu vertreten, begeisterte uns sofort. Da wir noch keine Yuan hatten, wollten wir als erstes bei einem Geldautomaten stoppen. Nur leider funktionierte der Automat nicht. Besorgnis machte sich breit, aber der Chinese ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen und führte uns zu dem Restaurant, wo er sich direkt um die Bestellung kümmerte. „Ich lade euch ein. Kein Problem“, meinte er. „Xie xie“, konnten wir bereits sagen und freuten uns dann darüber, den Köchen bei der Arbeit zusehen zu können. Zunächst wurden die Nudeln lang geschlagen, danach auseinander geschnitten und dann frisch zubereitet. Die ganze Gruppe war etwas skeptisch gewesen, ob uns China wohl gefallen würde, aber dieses erste Erlebnis wischte sämtliche Zweifel hinweg. Nach dem Essen ging es wieder zurück zum Bahnhof und anschließend rollte der Zug weiter nach Ürümqi. Die Fahrt ging über Nacht, war absolut ruhig und wir haben satt und zufrieden geschlafen.

Unsere kleine Reisegruppe
Die Nudeln werden vorbereitet

Ürümqi ist die Hauptstadt der Region Xinjiang und mit 3,1 Millionen Einwohnern auch die mit Abstand größte Stadt in diesem Teil des Landes. Es ist in erster Linie eine Business Stadt, in der sich ein Bürogebäude an das nächste reiht. Jonathan und ich hatten beide eingeplant, die Stadt tagsüber zu besichtigen, und taten uns schnell zusammen. Zunächst probierten wir uns durch das Street Food Angebot, das eine Mischung aus zentralasiatischen und chinesischen Köstlichkeiten bot. Anschließend wollten wir dem regionalen Museum einen Besuch abstatten. Wir brauchten etwas, um uns im Gewirr der Straßen und Gehwege, die immer mal wieder unerwartet endeten, zurechtzufinden. Ungefähr 40 Sicherheitskontrollen später, die an allen markanten Punkten vorgenommen wurden, erreichten wir das Museum und entdeckten dort Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in den Werkzeugen der Steinzeitmenschen zwischen Xinjiang und dem Rest der Welt oder im Bau von Yurten. Außer dass man hier irgendwann angefangen hat, mit Stäbchen zu essen, gab es erstaunlich viele Parallelen.

Auf dem Weg zurück machten wir Stopp bei einem Park mit einem Aussichtshügel, der einen schönen Blick über ganz Ürümqi bietet. Das Panorama wurde dominiert von Hochhäusern – älteren Hochhäusern, neuen Hochhäusern und Hochhäusern im Bau. Überhaupt hatten wir den Eindruck, dass hier vieles neu aufgebaut wird. Das hat zwei Gründe: Zum einen mögen Chinesen gerne neue Dinge und bauen daher alte Häuser lieber neu auf, als sie zu renovieren. Zum anderen ziehen viele Han Chinesen derzeit in die Region. Ihr Bevölkerungsanteil steigt dadurch, während der Anteil der derzeit noch am stärksten vertretenen Bevölkerungsgruppe, der Uiguren, sinkt.

Okay, das war wirklich scharf
Mein geliebtes Nan gab es auch mit Füllungen – deftig oder süß

Am nächsten Morgen verließ ich Ürümqi mit dem Zug Richtung Turpan. Ich hatte eingeplant, anderthalb Stunden vor Abfahrt am Bahnhof zu sein – eine weise Entscheidung. Die Sicherheitskontrolle wurde auch hier sehr gewissenhaft durchgeführt. Auf dem Scanner entdeckte eine Beamtin zwei Messer in meinem Gepäck. Nachdem wir das erste zügig fanden, suchten wir nach einem zweiten. Ich versuchte, ihr zu vermitteln, dass ich kein weiteres Messer dabei hätte, und präsentierte ihr alles, wovon ich annahm, dass sie es als suspekt betrachteten: Münzen, eine Nagelfeile, meine Schlüssel. Mir gingen allmählich die Ideen aus, aber ihr nicht die Ausdauer. Wir gingen also jedes Fach meines Rucksacks durch und drehten jede Unterhose um. Als sie nicht fündig wurde, übernahm ihre Kollegin, die wiederum nach einer Weile eine weitere Kollegin hinzuzog. Der Rucksack wurde immer wieder gescannt, um das vermeintliche Messer besser lokalisieren zu können. Am Ende wurde ein weiterer Kollege dazugeholt, der gut Englisch sprach, und mich nochmal nach Messern befragte. Als ich verneinte, war ich endlich entlassen und durfte zum Gleis gehen. Im Hostel in Turpan erklärte man mir, dass die Kontrollen dieses Jahr besser geworden wären. Letztes Jahr hätte es mehrere Stationen mit Kontrollen gegeben, bei denen immer wieder alles durchsucht worden wäre. Insofern kann ich mich glücklich schätzen, dass es so einfach lief.

Dieser Teil einer Moschee ist inzwischen ein Supermarkt

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