Die Farbe Beige

„Welcome to Jordan“, sagte der Besitzer des Camps im Dana Biosphären Reservat freundlich zu mir, nachdem ich ihm von meiner bisherigen Reiseroute erzählte. Inzwischen hatte ich nicht mehr das Gefühl, noch im Land begrüßt werden zu müssen, aber man braucht ja vielleicht auch manchmal etwas länger, um wirklich anzukommen. Auf meine Frage, wo er denn herkommen würde, antwortete er jedoch wieder mit „Welcome to Jordan“. Die nächsten zwei Tage begleiteten mich diese drei Wörter immer dann, wenn der Camp-Besitzer nichts anderes zu sagen wusste oder um zu sagen „Ich schenke dir jetzt noch Tee nach“ oder „Dort drüben startet der Wanderweg“.

Er war auf meiner Reise nicht der Einzige, der außer den wichtigsten Floskeln nur wenig Englisch sprach. Die Jordanier, die mir begegneten, waren ausnahmslos sehr offen und freundlich. Sie wollten gerne mit einem interagieren und einem helfen, auch wenn sie nicht genau verstanden, was man gerade brauchte. Zum Glück ist Körpersprache ziemlich global, so dass man sich überall recht gut zurechtfindet.

Der Camp-Besitzer konnte mir die verschiedenen Routen im Wandergebiet zwar nicht detailliert erklären, aber ich verstand, dass es eine Information im Dorf Dana gab, wo man mir weiterhelfen konnte. Ich entschied mich für eine leichte Wanderung auf den Mount Rummana, der innerhalb von zwei Stunden erklommen und auch wieder herabgegangen werden kann. Da kaum Bäume in dem Gebiet wachsen, genießt man eigentlich die ganze Zeit ein traumhaftes Panorama auf das Tal und weitere Berge. Auch am nächsten Tag unternahm ich eine Wanderung, diesmal durch das Dana Tal. Auch hier wachsen kaum Bäume. Ich lief also in der prallen Mittagssonne und konnte durchgängig die Aussicht auf ein ausgetrocknetes Flussbett genießen. Geprägt wird die Landschaft von der Farbe Beige in allen Schattierungen. Es ist sandig und felsig, aber eben nicht dicht bewachsen.

Jordanien steht an 175. Stelle in der Rangliste der Länder nach erneuerbaren Frischwasserbeständen pro Kopf. 77 Kubikmeter stehen pro Kopf zur Verfügung. In Deutschland sind es 1.321, was übrigens für Platz 118 in dieser Rangliste ausreicht. Der Wassermangel wird einem auch am Toten Meer vor Augen geführt, meiner nächsten Station. Der Wasserspiegel sinkt dort jedes Jahr um ca. einen Meter. Manche Hotels, die einst direkt am Meer lagen, sind inzwischen ein gutes Stück vom Ufer entfernt. Um ein Bad in dem salzhaltigen Wasser zu nehmen, musss ich daher auch eine etwa 20-minütige Wanderung durch vertrocknetes Gebiet machen. Es gibt auch Badestellen, die leichter zu erreichen sind, aber von anderen Reisenden wurde mir berichtet, dass der Eintritt 15 JD kostet (umgerechnet 19 Euro), wofür man außer einem etwas kürzeren Weg nichts Besonderes bekommt.

Auf den Steinen am Ufer des Toten Meers hat sich eine Salzkruste gebildet

Genau gegenüber von der Badestelle, die mir im Internet empfohlen wurde, liegt der Wadi Mujib. Durch diese Schlucht fließt tatsächlich Frischwasser, das aus einer Quelle entspringt. Man kann eine Wasserwanderung unternehmen, bei der man den einen oder anderen Wasserfall heraufklettern und auf dem Rückweg herunterspringen muss. Es ist alles gut gesichert und an einigen Stellen passen Guides auf, falls jemandem etwas passieren sollte. Bei einem der Wasserfälle bin ich dennoch unsicher, ob ich herunterspringen sollte oder nicht, da danach noch ein paar Stromschnellen liegen. Andererseits steht hier kein Schild, dass es gefährlich wäre… Ich beschließe, einen einheimischen Touristen nach seiner Einschätzung zu fragen und dränge ihn ein bißchen dazu, es doch mal zu probieren. Es funktioniert, aber ich habe ein schlechtes Gewissen, als seine Freundin beim Nachmachen leichte Panik bei den Stromschnellen hat.

Nach zwei Stunden komme ich glücklich und unbeschadet am Ende der Tour an. Das Wasser des Wadi Mujib fließt in der Theorie ins Tote Meer, kommt aber eigentlich kaum mehr dort an, weil es vorher versickert. Ich selbst bin inzwischen auch schon fast verdurstet und kaufe mir im nächsten Supermarkt eine Flasche Wasser, um die einstündige Autofahrt nach Madaba zu schaffen.

In Supermärkten werden in der Regel keine Waren mit Preisen ausgeschildert. Stattdessen bringt man alles zur Kasse und dann wird einem ein Preis genannt. Eine Flasche Wasser kostet 1 JD. Eine Flasche Wasser und eine Banane kostet auch 1 JD. Bei drei Teilen steigt der Preis manchmal auf 2 JD. Daher kaufe ich ein Wasser und immer noch etwas dazu – in diesem Fall ein paar Cracker in einer beigen Verpackung. Nach dem Ausflug ins kühle Nass habe ich diese Farbe schon vermisst.

Leben bei über 40°

Die Überschrift an sich lässt noch nicht darauf schließen, ob ich über Sommer in München oder meine ersten Tage in Jordanien berichte. Letzteres ist der Fall. Ich holte direkt an der Grenze einen Mietwagen – oder besser: mobile Sauna – ab, mit der ich seitdem durch das Land fahre. Das Auto hat eine Art Lüftungssystem, das aber ungefähr genauso warme Luft in mein Gesicht bläst wie ohne, so dass ich mit geöffnetem Fenster versuche, durch den Fahrtwind etwas herunterzukühlen.

In Jordanien fährt es sich eigentlich ganz leicht: Es gibt recht wenig Verkehr, die Straßen sind breit und man fährt meistens nur mit 60 km/h. Auch wenn manche Straße den Namen „Highway“ trägt, sollte man sich davon nicht zu hohen Geschwindigkeiten verleiten lassen. Unerwartet können überall Bremsschwellen, Schlaglöcher oder ein paar Ziegen warten. Das langsame Tempo hat aber den Vorteil, dass man umso mehr von der beeindruckenden Landschaft bestaunen kann.

In meiner ersten Station, Petra, machte ich mich zunächst mit der Umgebung vertraut, die von Bergen geprägt ist. Am nächsten Tag startete ich direkt in der Früh mit der Erkundung des Weltkulturerbes. Wie einst Händler, Kriegsherren oder Missionare, lief ich durch die Schlucht Siq, traf auf das bekannte Schatzhaus und machte dort erst einmal ausgiebig Photos.

Aber das war erst der Anfang: In insgesamt acht Stunden machte ich laut meines Smartphones 45.000 Schritte, davon 19% Treppenstufen. Das Theater, Kloster, das Grab des Römischen Soldaten, der Hohe Platz, … – als man mir am Abend einen Guide andrehen wollte, konnte ich alle Versuche gekonnt damit abwehren, dass ich überall schon gewesen war. Abgesehen von der schieren Größe und Weitläufigkeit der Stadt ist es aber vor allem die Landschaft, die mich beeindruckt hat. Inmitten von Schluchten und Bergen befand sich hier einst eine vitale Stadt, die alles zu bieten hatte, was man damals eben so brauchte. Das einzige, was mir in der Mittagshitze fehlte, war Schatten.

Das Kloster in Petra

Mit einem Sonnenbrand verließ ich Petra und fuhr in die Wüste Wadi Rum. Schon auf dem Weg musste ich zwei Mal anhalten, weil eine Kamelherde den Highway kreuzte. In der Wüste selbst machte ich zunächst eine Jeep Tour zum Camp und startete dann von dort aus einen kleinen Spaziergang. Zunächst war es mein Plan, den anliegenden Berg einmal zu umrunden. Ich habe dieses Unterfangen nicht umgesetzt. Zum einen weil ich bei gefühlten 50° und praller Sonne nicht nochmal einen Sonnenbrand wollte und zum anderen weil ich schon nach 200m auf eine Kamelherde traf. Die Kamele grasten ohne Begleitung ein paar kleine Büschel Gras ab. Nach einer kurzen Beschnupperung wurde ich von der Gruppe akzeptiert und begleitete sie daraufhin. Als wir eine Rast machten, brach Uneinigkeit darüber aus, wer neben wem sitzen darf. Ich mischte mich nicht ein, hatte aber das Gefühl, dass die friedliche Stimmung verdorben war, so dass ich mich lieber verabschiedete.

Spaziergang mit neuen Bekanntschaften

Ich ging noch ein Stückchen weiter, schaffte es aber wieder nicht um den Berg, weil diesmal eine Herde Schafe und Ziegen von einem Beduinen duch die Wüste getrieben wurde. Ich hielt etwas Abstand, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich eines der Tiere mitnehmen wolle. Auch sie suchten geflissentlich die wenigen Grasbüschel ab, die mehr oder weniger verdorrt zwischen dem Sand wachsen.

Eine solch hohe Dichte an Tieren hatte ich in der Wüste nicht erwartet. Es leben 120 unterschiedliche Arten – darunter auch noch Wölfe und Skorpione in der Wadi Rum. Ein paar Grasbüschel reichen offensichtlich aus. Diese Erkenntnis machte mir auch Mut für den Fall, dass 40° für den deutschen Sommer Normalzustand werden. Es war nur ein kurzer Aufenthalt in der Wüste für mich. Am nächsten Tag ging es für mich schon weiter zum Dana Biosphären Reservat.

Beduine, Besitzer von mindestens 20 Kamelen

Reise nach Jerusalem

Drei Zahlen:

3 – Geburtenrate in Israel

8 – Geburtenrate orthodoxer Juden in Israel

16% – Anteil orthodoxer Juden an der Gesamtbevölkerung

— Quelle: Deutsche Botschaft, Tel Aviv

Zusammen mit zwei anderen Nationalspielerinnen fuhr ich nach der EM als erstes nach Jerusalem. Der Anteil orthodoxer Juden ist hier besonders hoch. Jerusalem empfing uns aber vor allem als eine Mischung unterschiedlicher Religionen. Mal ruft der Muezzin die Muslime zum Gebet. Mal hört man christliche Chöre. In der Altstadt sind es nur wenige Meter vom jüdischen Viertel, zum christlichen, dann zum muslimischen und zum armenischen.

Der Shabbat gilt jedoch für die meisten Sehenswürdigkeiten, so dass uns an unserem ersten und einzigen vollständigen Tag nicht viel Auswahl blieb. Wir entschieden uns für die Davidszitadelle, die uns nicht enttäuschte und einen sehr guten Überblick zur Geschichte Jerusalems gibt. Ebenso gut machbar am Shabbat ist eine Walking Tour der Via Dolorosa. Um den letzten Weg von Jesus vor der Kreuzigung besonders gut nachempfinden zu können, kann man sich sogar Kreuze ausleihen. Wir waren uns aber schnell einig, dass wir das nicht brauchen, sondern einzig den Informationen aus der Audio Guide Jerusalem App lauschen möchten.

Die Davidszitadelle – fun fact: David war niemals hier

Als schwieriger erwies sich die Essensbeschaffung. Im Reiseführer suchten wir uns ein Restaurant aus, checkten auf Google, ob es Hinweise auf den Shabbat gab, was nicht der Fall war. Als Back-Up fanden wir im Reiseführer sogar noch weitere hervorragende Restaurants in unmittelbarer Umgebung. Frohen Mutes zogen wir also los. Während wir uns dem Restaurant näherten, stieg der Hunger in gleichem Maße wie der Anteil orthodoxer Juden auf der Straße – kein gutes Zeichen. Ohne es zu wissen, befanden wir uns in einem Stadtteil, der am Shabbat komplett ausgestorben war.

Da im Reiseführer auch Attacken mit Windeln auf westliche Touristen erwähnt werden, traten wir lieber den geordneten Rückzug an. Nach einer Marschleistung von etwa einer halben Stunde, in der wir übrigens nicht attackiert worden sind, erblickten wir wieder geöffnete Restaurants und die Stimmung stieg.

Ein Besuch auf dem Tempelberg am Sonntag Morgen rundete die Reise nach Jerusalem ab. Der Tempelberg, einst wichtigstes Zentrum der Juden, gehört heutzutage den Muslimen und darf von Juden nicht betreten werden. An kaum einem Ort werden einem die Rivalitäten der Religionen so bewusst wie wir. Eindrucksvoll ist der Besuch dennoch.

Der letzte Eindruck, den ich von Jerusalem gewann, war leider ein negativer. Vor meiner Fahrt nach Jordanien wollte ich noch ein paar Schekel in Jordanische Dinare umtauschen. Beim Umtauschen stellte sich jedoch heraus, das ein 50 Schekel Schein, den ich von einem Taxi-Fahrer bekommen hatte, Falschgeld war. Ich erinnerte mich noch an den Moment, an dem ich als Rückgeld zwei 50 NIS Scheine erhalten hatte. Das Papier hatte sich so neu angefühlt. Ich hatte kurz geprüft, ob ein Wasserzeichen drauf war, was der Fall war. Der Schein wurde als Falschgeld markiert und das Geld war für mich futsch.

Die Klagemauer ist Sonntag in der Früh in jüdischer Hand

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