„In welcher anderen Stadt kann man Nachmittags Ski fahren und am Abend des gleichen Tages ins Ballett gehen?“, fragt eine Dame in einem Werbevideo in der Tourist Information in Almaty. Nun ja, eine andere Stadt fällt mir da schon ein… Aber die Botschaft ist klar: Almaty bietet eine hohe Lebensqualität. Nach insgesamt vier Tagen Aufenthalt kann ich das bestätigen.
Ich nahm mir zunächst Zeit, um die Stadt zu erkunden. Die Sowjet Architektur dominiert das Straßenbild. Dazwischen gibt es immer mal wieder eine Moschee oder eine orthodoxe Kirche zu sehen. Im Zentrum reiht sich ein Restaurant an das nächste. Man findet russische Küche, chinesische, georgische und natürlich auch kasasische. Hierin spiegelt sich der kulturelle Mix der Region wieder. Kasachstan Nomadenkultur ist nicht so gut sichtbar wie in Kirgisistan. Stattdessen sind die Einflüsse aus der Zeit der Sovietunion deutlich leichter zu erkennen sowie Einflüsse aus China und dem Nahen Osten, die über die Seidenstraße in die Region gekommen sind. Und natürlich spielt der Westen eine immer stärkere Rolle. Coffee Shops sind im Straßenbild fest etabliert und Starbucks hat ein paar Filialen eröffnet, was meistens ein Zeichen dafür ist, dass es genügend aufstrebende, wohlhabende Menschen in der Stadt gibt. Die Bevölkerung ist mit 70% mehrheitlich kasachisch, 15% russisch und 9% uigurisch. Uiguren sind aus China eingewanderte Muslime, die vor allem für Laghman bekannt sind.





Almaty ist die größte Stadt Kasachstans mit 1,5 Millionen Einwohnern, aber der Straßenverkehr fließt aufgrund der breiten Straßen ruhig dahin. Ich habe zu keiner Zeit auch nur irgendwo einen Stau gesehen. Aber auch hier hatte ich leider Pech mit den Museen. Ich hätte mir gerne das Central State Museum of Kazakhstan angesehen, das einen Überblick über die Geschichte des Landes gibt. Nur leider war es aufgrund von Ferien nicht geöffnet. Stattdessen musste ich eine Walking Tour mit App Audio Guide machen, die mir mehr oder weniger relevante Informationen vermittelte. So erfuhr ich, dass der Bau der U-Bahn 1988 begonnen, aber zwischendurch immer wieder gestoppt wurde, bis 2011 die erste U-Bahn fuhr.
Die Dame im Werbevideo berichtete außerdem von der Schönheit der nahgelegenen Berge im Sommer. Das wollte ich mir näher anschauen und fuhr mit dem Bus eine halbe Stunde zum Ile-Alatau Nationalpark, um wandern zu gehen. Kaum war ich aus dem Bus ausgestiegen, lernte ich einen Kanadier kennen, der meine Wanderbegleitung für den Tag wurde. Steve und ich liefen an einem Fluss entlang, überquerten ihn auf Baumstämmen, stiegen über Baumstämme drüber oder drunter durch und suchten uns unseren Weg durch das Dickicht.
Kurzum, wir hatten den eigentlich Wanderweg recht schnell verloren und unser Pfad endete nach und nach. Wir mussten also umkehren und liefen dann noch auf dem richtigen Wanderweg Berge rauf und runter – diesmal aber ohne Baumstämme. Nach zwei Stunden erreichten wir Kok Jailoo eine Sommerweide, von der man einen schönen Ausblick auf die umliegenden Berge hat. Die Kasachen breiteten ihre Picknickdecken aus oder bauten Zelte auf. Manche schleppten so viel Ausrüstung den Berg hoch, dass man denken konnte, sie wollten dort eine Woche bleiben.
Auch am nächsten Tag unternahm ich erneut eine Wanderung im Nationalpark. Diesmal startete ich eine Bushaltestelle später und meine Wanderbegleitung war Kasache. Es gelang uns problemlos auf dem richtigen Weg zu bleiben, der uns zu zwei Wasserfällen führte. Auch hier trafen wir auf Familien beim Picknick. Offensichtlich liebt dieses Volk das Picknicken und schon die Kleinsten laufen dafür bereitwillig stundenlang bergauf. Ich habe jedenfalls kein Kind gesehen, dass getragen wurde oder sich beschwerte.




Nach zwei Tagen Wandern wollte ich meinen Beine am Abend vor der langen Zugfahrt nach China noch etwas Erholung geben und ging ins Arasan Spa. Als ich mein Ticket kaufte, fragte man mich, ob ich ein Handtuch dabei hätte. „Ja, habe ich“, sagte ich. „Aber es ist recht klein“, fügte ich hinzu, weil ich nicht ganz genau wusste, wie man in einer kasachischen Sauna herumläuft. Das wäre kein Problem, meinte er und ich konnte reingehen. Das Spa ist in separate Bereiche für Männer und Frauen aufgeteilt. Ich zog mich um und ging nur mit meinem kleinen Handtuch halb bedeckt los Richtung Sauna, als ich von einer Badedame aufgehalten wurde. Sie sprach auf kasachisch oder russisch – ich kann das nicht immer unterscheiden – auf mich ein. Ich verstand kein Wort, aber irgendetwas schien nicht zu stimmen. Meine erste Annahme war, dass man nicht nackt ins Bad geht. Ich zog also meinen Bikini an und versuchte es noch einmal, aber das war offensichtlich nicht das Problem. Nach ein paar Minuten weiteren Einredens verstand ich, dass ich das Handtuch auf dem Kopf tragen müsste. Ich band es mir also wie einen Turban um den Kopf und konnte damit in den Saunabereich.
Das funktionierte natürlich nur so halb. In der Sauna setzte ich mich auf das Handtuch und danach wollte ich es nicht mehr auf den Kopf setzen, sondern hielt nur Ausschau, ob die Badedame in der Nähe wäre. Um mich herum waren nur Kasachinnen, die alle eine Kopfbedeckung dabei hatten. Am populärsten war ein Hut aus Filz, den es in verschiedenen Formen gab. Manche trugen auch einfache Badekappen. Beim Duschen wurden die Kopfbedeckungen nass gemacht, so dass sie in der Sauna dafür sorgten, dass der Kopf nicht überhitzt. Obwohl ich meinen Kopf ungekühlt hielt, bekam ich keine Probleme. Es gab eine Finnische Sauna, ein Russisches Dampfbad und ein Türkisches. Dazu einen sehr schönen Pool, in dem man sich zwischen den Saunagängen abkühlen konnte.
Meine Reise in Kasachstan endete damit in Almaty. Am nächsten Morgen nahm ich den Fernzug nach Ürümqi in China. Von Kasachstan habe ich nur einen kleinen Ausschnitt bereist, aber dieser hat mir gut gefallen. Es gibt sehr viel Natur zu entdecken mit unterschiedlichen Landschaften und die Städte sind aufgeräumt und haben eine entspannte Atmosphäre. Die Menschen, die ich kennengelernt habe, waren freundlich. Nur eines möchte ich nicht unerwähnt lassen: dass Kasachen gerne vordrängeln. Vor allem ältere Damen sind Meisterinnen in diesem Sport. Sie drängen sich an einem vorbei, strecken dann ihren Arm so aus, dass man nicht an ihnen vorbeikommt oder nutzen ihre spitzen Ellbogen zur Abwehr möglicher Gegenangriffe. An der Grenze, beim Kaufen von Fahrkarten oder auch an einem Imbissstand – überall wurde ich zunächst von ihnen abgedrängt. Von diesen Erlebnissen abgesehen werde ich Kasachstan aber als ein sehr freundliches Land in Erinnerung behalten.

