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Von Almaty aus nahm ich den Nachtzug ins 600km westlich gelegene Shymkent. Die Stadt ist mit 1 Million Einwohnern die drittgrößte des Landes und war einst eine bedeutende Station auf der Seidenstraße. Die Zugfahrt war erstaunlich komfortabel: Ich teilte mir ein 4er Schlafabteil mit zwei Kasachen. Es gab kostenlos frisches Trinkwasser, die Zug Mediathek bot allerlei Filme in ruckelfreier HD Qualität, aber nur auf Russisch, an und in der Nacht war es absolut ruhig. Entsprechend ausgeruht kam ich in Shymkent an.

Als erstes besuchte ich die Mausoleen in Sayram. Früher war Sayram die bedeutendere Stadt, aber inzwischen handelt es sich nur noch um einen Vorort, den man mit lokalen Bussen schnell erreicht. Die Mausoleen waren wie erwartet sehr alt und die Freitagsmoschee machte einen sehr ruhigen Eindruck auf mich. Interessanter fand ich hingegen die Infrastruktur: Asphaltierte Straßen sind hier Fehlanzeige. Der Anteil klappriger Autos liegt bei über 50%.

Als ich am Nachmittag das Zentrum von Shymkent besuchte, musste ich meinen Eindruck jedoch sofort um 180° drehen. Hier reiht sich ein Coffee Shop an den nächsten, statt klappriger Autos fahren neue SUVs durch die Straßen und alles ist sauber. Es gibt mehrere Parkanlagen, in denen die Bevölkerung Sport treibt und Schach spielt. Man fühlt sich wie in einer modernen Großstadt. Es gibt offensichtlich eine große Schere zwischen Stadt und Land.

Kasachstan ist riesig, so dass es schwierig ist, die Infrastruktur für Wasser, Strom, Bildung etc. auch auf dem Land aufzubauen. Junge Menschen zieht es in die Städte, wo sie Arbeit finden und einen westlich geprägten Lifestyle verfolgen.

  • Arbeitslosigkeit in Kasachstan: 5%
  • Arbeitslosigkeit in Kirgisistan: 7%
  • Armutsrate in Kasachstan: 4%
  • Armutsrate in Kirgisistan: 26%

Die Wirtschaft Kazachstans hat sich in den letzten Jahren aufgrund der Uran-, Gas- und Ölreserven prächtig entwickelt, mit jährlichen Wachstumsraten von etwa 4%. Es geht dem Land wirtschaftlich deutlich besser als Kirgisistan. Gefördert wird das zukünftige Wachstum durch die Erschließung weiterer Ölreserven und auch in die Infrastruktur wird kräftig investiert. Das soll auch den Tourismus fördern. Dass Kasachstan 2017 die visafreie Einreise für zahlreiche Länder eingeführt hat, war ebenfalls ein Schritt in diese Richtung. Viele Kirgistan-Touristen fliegen nach Almaty, verbringen dort ein paar Tage und reisen dann weiter nach Kirgisistan.

Ein weiterer touristischer Hotspot soll Türkistan werden, eine der ältesten Städte Kasachstans und berühmt für das Mausoleum von Hodscha Ahmad Yasawi. Manche nennen es gar das Mecca von Zentralasien. Die natürlich türkise Kuppel des Mausoleums glänzte in der Sonne, als ich mit der Marshrutka von Shymkent kommend daran vorbeifuhr. Ich stieg aus und suchte den Weg zu dem UNESCO Weltkulturerbe, in dem der kasachische Khan 1781 beigesetzt wurde und das in Teilen unvollendet geblieben ist. Ich konnte die Kuppel zwar sehen, aber vor mir lagen überall Bauzäune. Die Straßen werden wohl neu gebaut. Es dauerte eine Weile, bis ich den Eingang fand und einem sandigen Pfad zum Mausoleum folgte. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich die einzige westliche Touristin war. Überhaupt sah ich zunächst gar keine anderen Touristen. Die zweite Kuppel des Mausoleums wird gerade renoviert, aber ansonsten ist das Bauwerk mit dem bunt gestalteten Mauern wirklich beeindruckend.

Da ich mit Shorts und T-Shirt nicht ganz passend gekleidet war, verzichtete ich auf einen Besuch drinnen. Ich wollte mir stattdessen noch ein paar andere Sehenswürdigkeiten ansehen, die sich hier befinden sollten, und verschaffte mir daher einen Überblick über die Umgebung. Ich sah: Baukräne. Egal, wohin ich schaute, überall lag entweder Bauschutt oder bereits das Grundgerüst für ein neues Gebäude. Auf Plakaten sah ich Entwürfe von neuen Theatern, Hotels, einem Besucherzentrum und so weiter. Ein interessanter Mix aus orientalischen Elementen und moderner Architektur wird hier gerade errichtet. 2 Milliarden USD investiert Kasachstan im ersten Schritt in dieses Projekt, das Türkistan zum neuen kulturellen Zentrum von Zentralasien machen soll.

Ich lief zunächst den kurzen Weg zur Maszhid Khudzha Akhmad Yassavi Moschee, die bereits fertig gestellt ist. Nach einem kurzen Spaziergang rundherum entdeckte ich eine kleine Cafetaria, in der es Samsa, Kaffee und Tee gab. Ich holte mir einen kleinen Imbiss und setzte mich zu den Bauarbeitern, die hier gerade ihre Mittagspause machten. Nach der Stärkung schaute ich mir noch das Museum von Türkistan an, in dem allerlei Tonkrüge und die Bewaffnung kasachischer Krieger ausgestellt sind. Auch einem kasachischem Olympiasieger im Boxen, Beksat Sattarchanow, ist eine Ecke gewidmet.

Ich beschloss, zum Abschluss noch ein Getränk in einem Restaurant zu mir zu nehmen – vor allem um an etwas Kleingeld für den Bus zu kommen. Die Bedienung brachte mir eine Speisekarte auf Kasachisch, geschrieben in kyrillischen Buchstaben. Es brauchte eine Weile, bis ich mich zurechtfand und Bananen-Milchshake entziffern konnte, was ich dann auch bestellte. Das ist nicht ungewöhnlich: In den meisten Restaurants gibt es keine Speisekarten auf Englisch und die Bedienungen können in der Regel kein oder nur wenig Englisch, auch wenn sie jung sind.

Insgesamt gesehen war mein Ausflug nach Türkistan aber etwas enttäuschend. Ich hatte mir mehr erhofft von der Stadt, die überall für ihre Geschichte gelobt wird. Das meiste, was ich sah, war jedoch ein Ausblick auf die Zukunft. Angesichts der vielen Baustellen erscheint es mir fraglich, bis wann das Projekt beendet sein wird. Die kyrillische Schrift soll bis 2025 durch die lateinische abgelöst werden. Bis dahin sind eventuell bereits ein paar Gebäude fertiggestellt, so dass sich die zukünftigen Touristen mehr anschauen können und es bei der Bestellung im Restaurant leichter haben werden. Vielleicht komme ich dann auch nochmal wieder. Von Shymkent nahm ich am nächsten Tag den Nachtzug zurück nach Almaty, weil ich von dort aus den Fernzug nach Urumqi in China nehmen wollte.

Einen Basar gibt es in Shymkent natürlich auch
Feiertag – da kann man die Füße hochlegen
Denkmäler für gefallene oder herausragende Soldaten gehören in jede kasachische Stadt

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