Unendliche Weiten

„Die Straße zum Song-Köl See ist sehr schlecht. Dafür braucht man einen Geländewagen“, erklärte mir die freundliche Damen im CBT, der Tourismus Information in Kochkor auf meine Frage, wie ich am besten dorthin komme. Ich arrangierte den Transport mit dem Yurt Camp, wo ich zwei Nächte bleiben wollte. Am Song-Köl haben Nomaden-Familien ihre Sommerweiden. Im Frühling ziehen sie mit Sack und Pack aus der Gegend um Kochkor auf 3.000m Höhe und stellen dort ihre Yurten auf, weil das Gras hier grün und saftig ist. Im September wird alles wieder abgebaut, da es im Winter zu kalt wäre.

Am nächsten Morgen saß ich in einem klapprigen VW Kombi. Die Scheinwerfer waren mit Gaffa-Tape festgemacht und am Kofferraum befand sich eine größere Delle. Mein Fahrer versuchte hartnäckig eine Konversation mit mir aufrecht zu erhalten, obwohl ich kaum verstand, was er mir sagen wollte. Der Weg führte zunächst auf einer asphaltierten Straße Richtung Süden, bis man Richtung Song-Köl See abbiegt. Ab jetzt wurde die Landschaft immer schöner: um uns herum steile Berge. In einem Schlagloch löste sich eine Abdeckung an der Armatur, aber der Fahrer reparierte den Schaden sogleich fachmännisch. Wir fuhren über einen Pass zum Song-Köl, an dessen Ufer wir noch etwas weiterfahren mussten. Als wir ein Flussbett durchqueren mussten, wusste ich, warum die Dame im CBT einen Geländewagen empfohlen hatte. Sicherheitshalber hob ich meine Füße, nicht dass sie nass werden, aber die Durchquerung gelang problemlos und kurz darauf kamen wir beim Yurt Camp an.

Es war kalt am Song-Köl See. Ungefähr 5 Grad. Dazu ein wolkenverhangener Himmel. Umso herzlicher war die Begrüßung, als wir ankamen. Wir wurden in die warme Essens-Yurte gebracht, wo man uns sogleich ein Mittagessen und Tee brachte. Das Essen im Yurt Camp war erstaunlich gut und abwechslungsreich: Manty, dazu Nudeln, frisches Brot, Wassermelonen und Salat. Zum Frühstück Spiegelei, Pfannkuchen, Quinoa und Brot. Ich fühlte mich bestens versorgt. Internet gibt es nicht am Song-Köl, aber das fehlte mir auch nicht. 

Es sah nicht nach Regen aus und ich unternahm einen Spaziergang am Seeufer. Für etwa eine Stunde lief ich Richtung Süden. Aber außer dass sich die Pferde und Kühe am Wegesrand änderten, änderte sich an meinem Blick nichts. Am Horizont entdeckte ich ein kleines Gebäude, aber es kam und kam nicht näher. Das Land ist am Seeufer so flach, dass man gefühlt kilometerweit sehen kann.

Am Abend lernte ich eine Gruppe Studenten aus Israel kennen, mit denen ich Karten spielte. Später diskutierte ich noch mit Tschechen über Russen und ihre Eigenheiten. Deutsche fehlten natürlich auch nicht. Die Touristen in Kirgisistan kommen hauptsächlich aus Europa, Israel und Russland. Es fehlen die direkten Nachbarn. In anderen zentralasiatischen Ländern kann man sich Urlaub wahrscheinlich gar nicht leisten und aus China reist man wohl lieber in besser entwickelte Länder, wenn man schon das eigene Land verlässt.

Neben einem Spaziergang am Ufer gehört noch eine Wanderung auf einen der umliegenden Berge zum Standardprogramm am Song-Köl. Am zweiten Tag lief ich durch ein Tal und den anliegenden Berg schließlich hinauf, bis man oben am Pass – auf 3.400m Höhe – einen schönen Ausblick auf den See auf der einen und ein weiteres Tal auf der anderen Seite hat. Das Wetter war besser und die Sonne zeigte sich immer wieder, so dass ich sogar erstmals meine Sonnencreme auspackte.

Auf dem Weg kam ich an einigen anderen Yurt-Camps vorbei, aber auch an Yurten, die offensichtlich ohne Touristen auskamen. Inzwischen leben nur noch wenige Kirgisen einfach nur als Nomaden. Für die meisten ist Tourismus die Haupteinnahmequelle geworden. Sie halten Pferde, mit denen Horse-Treks unternommen werden können und deren Milch außerdem zu Kymys verarbeitet wird. Diese fermentierte Pferde-Milch ist das Nationalgetränk Kirgisistans, enthält angeblich 5% Alkohol und natürlich bot mir die Babushka am letzten Abend ein Glas an. „Spasibo“, bedankte ich mich auf Russisch und roch neugierig an meinem Glas. Leicht säuerlich, war meine erste Einschätzung. Kymys schmeckt tatsächlich zunächst säuerlich und im Abgang bitter. Dazwischen glaubte ich, Noten von Aschenbechern und Pferdeäpfeln herausschmecken zu können. Den Geschmack behielt ich leider lange in Erinnerung. Noch auf der Weiterfahrt am nächsten Tag nach Kyzyl-Oi erinnerte ich mich immer wieder an Kymys.

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten