Auf dem Film-Set von Avatar

Workout of the day: Treppensteigen. Der Wanderweg in Zhangjiajie bestand eigentlich aus nichts anderem als Steintreppen. Für eine Stunde ging es so bergauf. Unterbrochen nur für kurze Abschnitte, in denen man auf ebenem Gelände ging. Oben angekommen war mein T-Shirt durchgeschwitzt. Aber der Aufstieg hat sich gelohnt: Felstürme aus Sandstein ragten wie Wolkenkratzer in den Himmel, bewachsen von dichtem Wald. Manche Türme standen einzeln, manche in Gruppen, manche ähnelten einem Berg, nur dass sie schmaler waren. Ich genoss auf einer kleinen Plattform am Wegrand die Aussicht auf die spektakuläre Landschaft.

Die Türme haben sich im Laufe der Zeit durch Verschiebungen der Erdkruste gebildet. Die meisten formierten sich zu einem Wald aus Steintürmen, aber einige stehen ganz alleine, was auf den ersten Blick rätselhaft aussieht. Wie sind sie dorthin gekommen? Die Antwort ist denkbar einfach: Manche Türme sind irgendwann eingestürzt, so dass andere eben nun alleine stehen. Der Legende nach hat James Cameron diese Landschaft als Inspiration für den Film Avatar genommen. Die Chinesen sind darauf so stolz, dass sie eine Aussichtsplattform „Avatar“ benannt haben und allgemein ist der Nationalpark unter dem Namen Avatar Mountains fast besser bekannt.

Ich lief weiter auf dem Wanderweg und hörte plötzlich Stimmen, laute Rufe, Trillerpfeifen. Eine Minute später war ich umringt von chinesischen Touristen. Angeführt wurden sie von einem Guide mit Mikrophon, der pausenlos irgendetwas zu erzählen wusste. Damit seine Gruppe ihn auch ja wiederfindet, hielt er eine Fahne in die Höhe. Und damit er seine Gruppe wiederfindet, trugen alle die gleiche Mütze – rote Kappen, orangene und ganz wilde Gruppen hatten ein Muster aus Blumen aufgedruckt. Gemeinsam war allen, dass sie mit Begeisterung ihre Mützen trugen und überhaupt schienen sie sich in der Gruppe wohl und stark zu fühlen.

„Es ist gefährlich im Park. Man kann sich leicht verlaufen, wenn man alleine unterwegs ist“, meinte eine Chinesin im Shuttle Bus zu einem anderen Traveller, den ich beim Abendessen kennenlernte. Daher hatte sie sich für die Gruppenreise entschieden. Es war natürlich nicht gefährlich und geradezu unmöglich, sich zu verlaufen. Die Wanderwege sind mit Steinen ausgebaut und an ihrem Rand befindet sich fast überall ein Geländer, so dass man den Weg nicht verlassen kann. Reine Natur scheint den Chinesen unbehaglich zu sein.

Man hatte die Wahl, ob man Treppensteigen oder eine Seilbahnfahrt unternehmen möchte. Für einen besonders steilen Aufstieg gab es einen Aufzug. An allen möglichen Orten konnte man sich an Essensständen stärken und an den am meisten frequentierten Punkten sogar bei McDonald’s und KFC einkehren. Vermisst jemand Starbucks? Keine Sorge, die Filiale wird gerade am Eingang zum Nationalpark gebaut.
Zhangjiajie ist eine der beliebtesten Reisedestinationen Chinas und legt ein unfassbares Wachstum in den Besucherzahlen hin. 2011 strömten 30 Millionen Menschen dorthin, 2016 waren es 60 Millionen. Insgesamt wächst der chinesische Tourismus jährlich um etwas 12%. Die meisten Besucher in Zhangjiajie kommen aus dem Reich der Mitte. Für 2011 wurden immerhin 6% ausländische Besucher kommuniziert, wobei der Großteil dieser Gruppe aus Hongkong oder Taiwan kommt. Wieviele Amerikaner, Europäer oder Australier in den Park reisen ist mir leider nicht bekannt.

Seit 2009 ist der Nationalpark von der UNESCO als Weltnaturerbe ausgezeichnet und das wurde mir nicht nur mit jedem Erklärungstext vermittelt, sondern das Logo der UNESCO fand ich auch auf jedem Hinweisschild im Park. Man scheint sehr stolz zu sein auf diese internationale Auszeichnung. Diesen Stolz nahm ich nicht nur in Zhangjiajie wahr, sondern hatte ich auch schon in Dunhuang oder Xi’An bemerkt. Als ob man den Chinesen unbedingt versichern möchte, dass es in ihrem Land international anerkannte Sehenswürdigkeiten gibt.

Drei Tage verbrachte ich im Nationalpark, um die verschiedenen Abschnitte des 264km² großen Areals kennenzulernen. Da es Shuttle Busse im Park gibt, kann man ihn sehr leicht erkunden. Glücklicherweise hielten sich die Reisegruppen nur in der Nähe der Seilbahnen auf, die natürlich zu besonders schönen Punkten führte. Aber wenn ich nur 10m in Richtung Treppenstufen lief, hatte ich die Aussicht für mich. Auf den beschwerlichen Wanderwegen traf ich die Gruppen nie, sondern nur vereinzelt Chinesen, die individuell reisten.

Hin und wieder traf ich Affenbanden, die auf der Suche nach Essen von Ast zu Ast sprangen. Man soll die Makaken nicht füttern, stand überall auf Schildern, aber die Chinesen schien das wenig zu beeindrucken. Ich sah mehr als einmal, dass man ihnen begeistert etwas Obst oder gar Essen in Plastikverpackung hinwarf. Da sie auf diese Weise genug zu essen bekamen, waren sie ansonsten aber nicht weiter aufdringlich und verhielten sich friedlich. Es gab genügend Affen, dass ich täglich mindestens einmal welche traf, aber es waren auch nicht so viele, dass man von einer Plage hätte sprechen können. Obwohl die Chancen sie zu treffen, sehr gut standen, hielt die Parkverwaltung es dennoch für nötig, ein paar Affen in einen Käfig zu sperren. Im Monkey Park nahe einer Seilbahn sah ich dieses kleine Gehege, das mich mit einem traurigen Gefühl hinterließ. Auch andere Touristen aus Deutschland und den USA waren befremdet von diesem Anblick, aber für die Chinesen schien es eine nette Attraktion zu sein. Das Verhältnis zur Natur scheint für sie ein anderes zu sein als für uns. Natur ist ein Konsumgut, das möglichst convenient sein soll.

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