Von Kunming, der Hauptstadt Yunnans, habe ich nicht viel gesehen. Ich kam erst am Abend an und am nächsten Tag hatte ich zwar noch einen halben Tag Zeit, aber die Galerie, die ich mir ansehen wollte, war kürzlich umgezogen. Noch dazu regnete es durchgehend. Entsprechend war ich froh, als ich im Zug nach Dali saß.





Dali ist eine Kleinstadt etwa 300km nordwestlich von Kunming mit einer wundervollen Altstadt. Ja, tatsächlich, es gibt in China Altstädte. Lauter kleine Häuser und Gassen mit kleinen Geschäften, Cafés und Restaurants wollten dort erkundet werden. Das Touristenaufkommen aus dem Inland hielt sich in einem erträglichen Maße zurück. Natürlich gab es auch hier einige Reisegruppen und dazu jede Menge Hochzeitspaare, die für ihr Photoshooting kamen.
Die ursprünglichen und immer noch vorherrschenden Bewohner von Dali gehören den Bai an. Ihre Häuser waren reich verziert mit Gemälden an den Fassaden – manche davon in einem traditionellen Stil und manche eher modern. Direkt neben der Altstadt bewirtschafteten zahlreiche Kleinbauern ihre Felder. Jeder hatte nur einen kleinen Acker und baute dort Reis oder Gemüse an. Die Ernte legten die Bauern einfach auf der Straße zum Trocknen aus.






Meine Reise ging weiter mit dem Bus ins 160km nördlich gelegene Lijiang, ebenfalls eine Kleinstadt mit einer schönen Altstadt. Auch hier war die Altstadt geprägt von kleinen Geschäften, Cafés und Restaurants. Dazu gab es noch ein paar Tempel und einen schönen Markt. Im Unterschied zu Dali gehörte die Bevölkerung Lijiangs jedoch zum Großteil den Naxi an. Dieses Volk hatte eine eigene Religion und auch eine eigene Schrift, die im zugehörigen Museum als „sehr primitiv“ beschrieben wurde.
Drei Tage verbrachte ich mit Stadtbummeln: Flanierte durch die Gassen, trank einen Café, aß Nudelsuppe und schaute mich in den Geschäften um. Danach war es aber auch genug mit Bummelei. Als nächste Station wollte ich die Tigersprungschlucht besuchen.
Es handelt sich um die tiefste Schlucht der Welt. Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten, die Schlucht zu besichtigen. Entweder wählt man den High Trail aus, einen Wanderweg, der oberhalb der Schlucht verläuft und einem wunderschöne Ausblicke bietet. Oder man lässt ich vom Bus zum Scenic Spot fahren und macht Photos direkte am Yangtse. Internationale Touristen wählen den Wanderweg, während die meisten Chinesen mit dem Bus zum Scenic Spot fahren. In meinem Bus aus Lijiang saßen eine Gruppe Franzosen, zwei Slowenen, ein Pärchen aus Kanada/Neuseeland sowie ich. Kaum waren wir ausgestiegen, bildete sich auch schon ein Gruppengefühl. Wir hatten für die nächsten zwei Tage schließlich alle das gleiche vor. Ich deponierte meinen großen Rucksack in einem Kiosk, nachdem man mir versicherte, dass der Bus, den ich aus der Schlucht am nächsten Tag nehmen wollte, hier wieder anhalten würde, und schon ging es los.
Auf den ersten Metern tauschten wir uns angeregt über unsere bisherigen Reiserouten und weiteren Pläne aus, bis die Gespräche allmählich einem anstrengenden Stöhnen wichen. Es ging steil bergauf. Etwa eine Stunde brauchten wir für den Aufstieg, wurden dafür aber mit der ersten Aussicht auf die Schlucht belohnt. Oben angekommen nahmen wir die Gespräche schnell wieder auf. Nun erzählte jeder, was er in diversen Blogs oder seinem Reiseführer über die Tour gelesen hatte. Es sollte nur ein einziger schwerer Anstieg zu Beginn sein, war die einhellige Meinung. Anschließend würde der Pfad auf diesem Level als Panoramaweg weiterführen.
Entsprechend verwirrt waren wir, als es bergab ging. Nicht nur ein paar Meter. Wir bewegten uns bis auf unser Ausgangsniveau hinunter, nur um von dort in 28 Kehren noch einmal hochlaufen zu müssen. Auf dem Weg lagen immer wieder kleine Stände mit Früchten, Wasser und anderem Proviant, um die Anstrengung überstehen zu können. Eine Stunde später waren wir oben angekommen und nun ging es auch wirklich nicht mehr bergab. Stattdessen liefen wir auf dem ersehnten Panoramaweg, bis wir am späten Nachmittag beim Teahorse Guesthouse ankamen. Die französische Reisegruppe hatte dieses Gasthaus bereits vorab gebucht und der Rest schloss sich spontan an. Das Gasthaus kam uns vor wie das Paradies: Auf der Terrasse genossen wir erst den Blick auf die Berge und später den Sternenhimmel.



Am zweiten Tag stand die Wanderung zu dem Gasthaus an, von dem der Bus abfuhr. Da wir zu unterschiedlichen Uhrzeiten aufstanden, verlor sich unsere Gruppe. Der Weg bot alles, was man von einem Panoramaweg erwartet. Zwischendurch sorgten Wasserfälle oder eine Herde Ziegen, die sich auf dem Wanderweg gemütlich gemacht hatte, für Abwechslung. Drei Stunden später war ich auch schon bei dem Gasthaus angekommen, hatte aber noch genug Zeit, um runter zum Fluss zu laufen, zu dem Stein, an dem der Legende nach ein Tiger einst die Schlucht übersprungen hat.
Unzählige Treppenstufen ging es dafür hinab und als kleine Attraktion hatten die Chinesen eine Sky Ladder aufgebaut: eine Leiter, die 30m im Grunde senkrecht nach unten führt. Ich vermisste hier zwei Dinge: eine Sicherung und das Schild, dass es sich um die längste Leiter der Welt oder zumindest ein UNESCO Welterbe handeln würde. Der Abstieg war mir nicht ganz geheuer, aber solange ich nicht nach unten schaute, sondern einfach einen Schritt nach dem anderen machte, war alles in Ordnung. Unten angekommen musste ich nur noch ein paar weitere Treppenstufen bezwingen, bis ich endlich auf dem Stein stand. Das Tosen des Yangtse übertönte das Klicken der Photoapparate. Aber wer bislang gut aufgepasst hat, kann sich denken, dass die meisten Chinesen nicht an dieser schwer zugänglichen Stelle standen.
Von der Tigersprungschlucht aus ging es für mich weiter nach Shangri-La. Ach ja, meinen Rucksack musste ich auf dem Weg noch abholen. Ich erklärte dem Busfahrer, dass ich meinen Rucksack am Eingang zum Wanderweg deponiert hatte. Kein Problem, meinte er. Als wir am Supermarkt vorbei fuhren, gab ich ihm zwar Bescheid, ließ mich aber recht leicht abwimmeln, da ich mir auch nicht mehr ganz sicher war, wo der Supermarkt lag. Fünf Minuten später stellte sich heraus, dass er gedacht hätte, mein Rucksack wäre im Gasthaus beim Ticketschalter. Da hatten andere Backpacker ihr Gepäck verstaut. Aber kein Problem. Wir fuhren wieder zurück zum Supermarkt, wo die Verkäuferin auch schon mit dem Rucksack in der Hand auf uns wartete, und setzten die Fahrt fort.






