Minority Report

Shangri-La, das klingt nach Erholung, Erleuchtung und ein wenig Exotik. Dabei handelt es sich um einen Marketing-Gag. In einem Roman von James Hilton trug ein paradiesischer Ort jenen Namen, ohne dass damit unbedingt das damalige Zhongdian gemeint gewesen wäre. Die Einheimischen sagen natürlich, dass sich der Autor an buddhistischen Schriften orientiert hätte. Um den Tourismus anzukurbeln, wurde die Stadt daher kurzerhand umbenannt. Eventuell handelt es sich aber auch eher um ein Henne-Ei-Problem. Schließlich findet man in Shangri-La auch alles das, was man sich unter dem Namen vorstellt. Mir war es egal.
Bereits als ich das erste Mal auf der Suche nach meinem Hotel durch die Altstadt schlenderte, fühlte ich mich in den Bann gezogen. Kleine Gassen mit Cafés, Restaurants und Geschäften erinnerten mich an Lijiang und Dali, aber alles trug diesen tibetischen und buddhistischen Nimbus, den ich auch schon in Xiahe, beim Kloster Labrang gemocht hatte.

Im Zentrum des Ortes steht eine riesige Gebetsmühle. In China trägt alles einen Superlativ – das größte, schwerste oder schönste der Welt. Als ob man überall demonstrieren möchte, dass man ganz weit vorne liegt. In diesem Fall handelt es sich um die größte und sicherlich auch schwerste Gebetsmühle auf diesem Planeten. Mindestens sechs Menschen sind notwendig, um sie zu drehen. Ich reihte mich unter die Drehenden. Wenn alle Positionen besetzt waren, ging das Drehen denkbar einfach, aber sobald fünf Leute ausscherten, wurde das Ganze harte Arbeit. Wer nicht genügend Mitstreiter findet, um die Mühle zu drehen, der kann übrigens auch einfach um sie herum laufen. Das hat in etwa den gleichen Effekt.

Am nächsten Morgen besuchte ich das Ganden Sumtseling Kloster mit einigen großen Tempeln. 146 Stufen musste ich zunächst erklimmen, bis ich zur Haupthalle kam. Von oben hatte ich eine schöne Aussicht auf die Stadt und besichtigte im Uhrzeigersinn die verschiedenen Tempel mit goldenen Buddhas in allen Größen, tibetischen Fahnen und bunten Wandmalereien, die Buddhas oder ihre Lebenswege nachzeichneten. Im Kloster leben auch einige Mönche, die in den Tempeln ihrem Alltag nachgingen. In einem Tempel machten sie Musik. Es gab einen Bläser, der den Ton angab, und die restlichen Mönche schlugen in rhythmischen Pausen auf ihre Trommeln. Im nächsten Tempel wurde meditiert. Auch hier gab es einen Mönch, der den Ton angab und lautstark Gebete murmelte oder sang – ganz sicher war ich mir nicht. Der Rest war tief versunken oder eingeschlafen – auch hier war mir nicht ganz sicher.

Anschließend lieh ich mir in der Stadt ein Fahrrad aus und fuhr zum Napahai See. An den Ufern grasten Yaks, Pferde und Schweine. Leider konnte ich nicht einfach um den See herumfahren, wie ich mir das vorgestellt hatte. Bereits nach kurzer Zeit sollte ich Eintritt bezahlen, um direkt ans See-Ufer zu gelangen. Auch wenn es nur rund 4 Euro gewesen wären, hatte ich darauf keine Lust, drehte stattdessen um und fuhr in der Umgebung noch einen kleinen Schlenker.

Das Kloster wird auch Little Potala Palace genannt
Der Aufstieg ist ohne Sauerstoff kaum zu schaffen.

Am Nationalfeiertag fand ein kleines Festival der Minoritäten statt. In der Region leben 25 unterschiedliche Völker – u.a. Tibeter, Bai, Naxi und natürlich auch Han Chinesen. Sie kamen alle in ihrer traditionellen Tracht, die meist sehr bunt und reich verziert war. Pelzmützen trugen die einen, spitz zulaufende Mützen die anderen. Es gab Frauen mit bunten Tüchern und Männer mit Schwertern. Zunächst liefen sie einzeln ein und führten ihre Volkstänze auf. Als alle auf ein Zeichen mit kleinen chinesischen Flaggen wedelten, bekam ich den Eindruck, dass hier eigentlich ein Werbevideo gedreht werden sollte.

Gefeiert wurde das 70-jährige Bestehen der VR China. Angesichts der langen Geschichte des Reichs der Mitte erschienen mir 70 Jahre wie ein Wimpernschlag und auch die Traditionen der Minoritäten waren deutlich älter. Für die Führung in Peking war es dennoch Anlass genug, das ganze Land zu schmücken und eine bombastische Militärparade in Peking aufzubieten. Andere Traveller hatten mir berichtet, dass für die Proben bereits Wochen zuvor der Platz des Himmlischen Friedens gesperrt worden war.

Ich besuchte noch zwei Museen in der Stadt: das Deqing Museum zeigte die Lebensweise der Völker seit der Steinzeit und das Rote Armee Museum die Geschichte des langen Marsches und wie die Soldaten über die Gebirgspässe in Tibet zogen. Als ich das Museum verließ, hatte sich das Festival auf einen kleineren Platz verlagert. Jetzt tanzten alle Völker ungezwungen gemeinsam. Sie bildeten Kreise und liefen rhythmisch umher. Den einen oder anderen Tanzschritt hatte ich auch schon bei den morgendlichen Tanzstunden in diversen chinesischen Parks gesehen. Ich beobachtete das bunte Treiben, bis ich zu meinem Bus musste, der mich wieder zurück nach Kunming bringen sollte.

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