Mit dem Nachtbus nach Laos

Da mir Kunming beim ersten Mal nicht sonderlich gefallen hatte, reduzierte ich die Zeit in der Stadt auf das nötigste. Mein Bus kam in der Früh um 7 Uhr an und ich nahm noch am gleichen Tag den Nachtbus nach Luang Prabang, Laos, um 18:30 Uhr. In der Zwischenzeit wollte ich noch ein kleines Viertel mit älteren Häusern besuchen. Es wimmelte von Chinesen, die ihre Ferien genossen und mit ihren Familien Spaziergänge unternahmen. Als ich hungrig wurde, kehrte ich in einem kleinen Lokal ein. Man war dort recht aufgeregt, dass ein westlicher Tourist den Weg zu ihnen gefunden hatte, und brachte mir daher gleich drei Mal neuen Reis sowie extra Salat.

Dann konnte ich gut gestärkt meine Tour durch diverse Tempel fortsetzen. Da ich schon unzählige gesehen habe und mich nicht mehr für jede Kleinigkeit begeistern konnte, war das aber recht schnell abgehakt und ich begab mich Richtung Bus-Station. Dort angekommen wollte ich noch eine Kleinigkeit vor der Fahrt essen und mich außerdem mit Snacks eindecken. Zum Essen fand ich eine muslimische Imbissbude mit handgezogenen Nudeln – mein erstes Essen in China sollte auch mein letztes sein. Auch hier war die Aufregung groß, als ich eintrat, und der Besitzer wollte unbedingt ein Gespräch mit mir führen – und das auch noch über Religion und Politik. Für mehr als einen fließenden Bestellvorgang reichten meine Chinesisch-Kenntnisse nicht aus, aber er ließ sich davon nicht abbringen. Nachdem wir uns eine Stunde umständlich über eine App ausgetauscht hatten, schenkte er mir noch eine Portion Bratkartoffeln. Eigentlich war ich schon mehr als satt, aber ablehnen wollte ich das nicht. Jetzt fehlten mir nur noch die Snacks, die ich mir beim Bahnhof besorgte. Nur etwas Obst fand ich nicht. Kaum dass ich den Warteraum betreten hatte, lernte ich ein chinesisches Pärchen kennen, das mir zum Abschied einen Apfel schenkte – genau ,was ich gesucht hatte. Entweder hatte sich die ganze Stadt abgesprochen, mir ihre Gastfreundschaft zu demonstrieren, oder ich sah extrem hungrig aus.

Eine gute Grundlage hatte ich jedenfalls und das war auch mehr als nötig. Denn vor mir lagen 25 Stunden Busfahrt. Der Bus war mit richtigen Betten ausgestattet, die der chinesischen DIN-Norm von 1,70m Länge und 0,50m Breite entsprechen. Ungefähr so viel Platz hat man als Mitglied einer chinesischen Großfamilie wahrscheinlich auch Zuhause. Ich hatte das Glück, einen Platz in einem Doppelbett bekommen zu haben und das zweite Bett blieb – noch wichtiger – frei. Wir fuhren sehr zügig und mit relativ wenigen, dafür aber umso heftigeren Bremsmanövern auf einer zweispurigen Autobahn. Die Bremsmanöver sorgten jedes Mal dafür, dass man etwas weiter nach vorne rutschte. An Schlafen war in diesem Zustand nicht zu denken. Irgendwann spät in der Nacht hielt der Busfahrer auf einem Parkplatz an und schaltete den Bus aus. Endlich fand ich Schlaf.

Um fünf Uhr morgens setzte sich der zweite Busfahrer ans Steuer und setzte die Fahrt fort – allerdings erstmal nur für zwei Stunden. Wieder wurde der Bus abgestellt. Ich wusste, dass es nicht mehr weit zur Grenze sein konnte, aber von einem Grenzposten war keine Spur. Einigermaßen irritiert stieg ich also aus und stellte mich erstmal zu den anderen Insassen. Es sprach niemand Englisch und scheinbar wusste auch niemand, was zu tun war. Wir standen also einfach nur herum, bis irgendwann irgendjemand seinen Rucksack aus dem Bus holte, was wir dann alle nachahmten. Wir folgten ihm bis zur Grenze. Die Überquerung ging recht einfach: Ich wurde zwar wieder herausgepickt, musste aber lediglich zwei Fragen beantworten, um China zu verlassen, und die Grenzbeamten in Laos waren wiederum nicht unbedingt effizient, aber eifrig genug, um alle recht zügig durchzulassen.

Draußen sah die Welt komplett anders aus: In China hatten wir eine zweispurige Autobahn. Hier gab es eine kleine Landstraße. Hochhäuser standen auf der chinesischen Seite, Holzhütten auf der laotischen. Nur eines blieb: chinesische Schriftzeichen. Zu meinem Erstaunen sah ich sie während der gesamten weiteren Fahrt immer wieder – selbst als wir in Luang Prabang angekommen waren.

Dort traf ich auch einige chinesische Touristen, die hier mit ihren Familien ihre Ferien genossen, aber auch den einen oder anderen Ladenbesitzer, der offensichtlich chinesischer Herkunft war. Als ich einen Ausflug zu einem kleinen Dorf in der Nähe von Luang Prabang unternahm, fragte ich schließlich die dortige Schmuck-Designerin. „Ja, ich bin Chinesin. Sehr viele Bewohner in diesem Dorf sind chinesisch“, erklärte sie mir daraufhin.

Laut Wikipedia stellen Chinesen derzeit 2% der laotischen Bevölkerung. Der Anteil scheint aber in den letzten Jahren angestiegen zu sein, wie mir ein Tour Guide berichtete. Über die Immigranten zeigte er sich nicht sonderlich erfreut. „Chinesen sind meist besser gebildet und gut bezahlte Jobs gehen jetzt an sie statt an Laoten“, meinte er. „Wenn sie selbst ein Geschäft betreiben, stellen sie nur Chinesen ein. Das liegt auch an der Sprachbarriere: Chinesen sprechen nur Chinesisch und Laoten können kein Chinesisch.“

Ganz besonders deutlich wird dieser Umstand am Bau der Zugstrecke von Kunming nach Vientiane. Die Kosten werden zu 70% von China übernommen, obwohl die Strecke in etwa 50:50 durch beide Länder führt. 30% von 5,7 Milliarden USD sind aber immer noch 1,71 Milliarden USD und machen Laos zum viert stärksten verschuldeten Land der Welt. Die jährlichen Zinsen machen etwa 20% der jährlichen Staatsausgaben aus und wandern direkt nach China – die Kredite stammen selbstredend von chinesischen Banken. Unter’m Strich also ein gutes Geschäft für das Reich der Mitte.

Der Bau der Eisenbahn wird von chinesischen Firmen organisiert, die dafür chinesische Arbeiter angestellt haben. Im Wohnhaus meines Tour-Guides wohnt seit Kurzem eine ganz Handvoll von ihnen, mit denen er sich durchaus gut versteht. Deswegen wusste er auch, dass sie pro Tag mehr verdienen als er pro Monat. Sie werden noch eine Weile bleiben. Die Eröffnung der Strecke ist für 2021 geplant. Chinesische Züge fahren gemütliche 300km/h, sind pünktlich und sehr bequem, wie ich in den letzten Wochen erfahren durfte. Die Fahrt dürfte dann nicht mehr 25 Stunden dauern, sondern nur noch wenige Stunden.

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