Von friedlichen Kriegern und kampfbereiten Mönchen

Von Xiahe aus fuhr ich mit Bus und Zug weiter nach Xi‘An, bekannt für die Terrakotta-Armee. Ich machte mich entsprechend direkt am ersten Tag auf, um mir die Krieger näher anzusehen. Da ich bei solchen Sehenswürdigkeiten häufig die Erfahrung gemacht habe, dass man nur mit eigenen Augen das sieht, was man auf vielen Photos auch schon gesehen hat, war meine Erwartungshaltung relativ gering. Life Changing war es denn auch nicht, als ich in den drei Hallen vor zum Teil bereits restaurierten und zum Teil noch in der Restauration bzw. Ausgrabung befindlichen Kriegern stand. Und dennoch war der Eindruck, den ich vor Ort gewann, etwas detaillierter als das, was ich von Photos kannte. Die schiere Anzahl Soldaten ist schon beeindruckend, aber mit welcher Detailtiefe sie auch noch gestaltet wurden, begreift man erst, wenn man sie in Reih und Glied vor sich sieht. Es überraschte mich auch, wie friedlich und gelassen sie dastehen, obwohl sie sich bereits zum Kampf aufgebaut haben.

Die Kommandozentrale der Armee – zum Großteil agiert sie kopflos

Am zweiten Tag streifte ich durch die Stadt, besuchte Tempelanlagen, Moscheen und die Stadtmauer. Xi‘An war einst die Hauptstadt des chinesischen Reichs und konnte sich einige historische Gebäude bewahren. Zwischen all den historischen Gebäuden stehen jede Menge moderne Hochhäuser vollgepackt mit internationalen Ketten: Zara, Nike und natürlich auch Starbucks. Für mich machte das den Charme der Stadt ein wenig kaputt.

Zum Essen ging ich ins muslimische Viertel, wo an allerlei Straßenständen Brot, Fleischspieße oder Tofu angeboten werden. Die muslimische Bevölkerung Xi’Ans gehört zur Volksgruppe der Hui, die den Han Chinesen ähneln und sich vor allem durch ihren Glauben unterscheiden. Einige Köstlichkeiten der Uiguren wie Laghman findet man daher hier nicht, aber ich sah viele bekannte Gerichte. Nur die Atmosphäre und leider auch die Qualität des Essens reichte nicht an meine bisherigen Stationen heran. Das Brot war nicht frisch gebacken und der Tofu nicht so gut gewürzt.

Außerhalb des muslimischen Viertels sah ich auch immer wieder Frauen mit Kopftuch und Männer mit den typischen muslimischen Hüten. Nach zwei Tagen fiel mir aber auch auf, dass sich die Han- und Hui-Chinesen recht wenig untereinander mischen und eher friedlich nebeneinander her leben. Besonders augenfällig war das in den Parks, wo sich die Bevölkerung morgens zum Sport und abends zum Kartenspielen traf. An der einen Bank unterhielten sich Muslima, am nächsten Baum spielten Han Chinesen Schach und bei den morgendlichen Zumba-Übungen machten Hunderte Chinesen fröhlich mit, aber jemanden mit Kopftuch suchte ich vergeblich.

Außer Sightseeing musste ich in Xi’An Reiseplanung betreiben. Mein ursprünglicher Plan sah vor, dass ich von hier aus direkt nach Zhangjiajie fahre. Als ich den Zugplan im Detail studierte, musste ich jedoch feststellen, dass es eine einzige Verbindung gibt. Dafür hätte ich um 1 Uhr nachts in einen Zug einsteigen müssen und wäre dann um 19 Uhr abends wieder ausgestiegen. An sich wäre das noch in Ordnung gewesen, aber es gab nur noch harte Sitze zu kaufen und die Vorstellung 18 Stunden auf einem Quadratmeter zu sitzen und wahrscheinlich keine Minute Schlaf zu bekommen, schreckte mich dann doch etwas ab. Ich suchte daher nach einer Zwischenstation und stieß auf das Shaolin Kloster nahe Zhengzhou.

Zhengzhou selbst hat keine, wirklich gar keine Sehenswürdigkeiten zu bieten. Es gibt jede Menge Hochhäuser – ähnlich wie in Ürümqi ist alles recht neu und es werden weitere gebaut. Ich studierte ein paar Websites, auf denen die Anfahrt zum Shaolin Kloster beschrieben wird und prüfte den Wetterbericht: aktuell 0% Regenwahrscheinlichkeit, über den Tag verteilt maximal 20%. Ein Blick aus dem Fenster genügte, um festzustellen, dass es in Strömen regnete und ich den weiteren Informationen nicht vertrauen könnte. Von der U-Bahn Station am Bahnhof sollte es aber auch nicht weit zum Busbahnhof sein, so dass ich mir keine weiteren Sorgen machte.

Auch das war leider nicht ganz richtig. Chinesen bauten schon immer gerne Mauern und heutzutage Absperrungen. Anstatt den direkten Weg zum Busbahnhof nehmen zu können, wurde ich immer wieder von Zäunen aufgehalten. Wo es einen Weg gab, gab es auch eine Sicherheitskontrolle, die dann immer nur in die eine, für mich falsche Richtung durchquerbar war. Nach einer halben Stunde entdeckte ich eine Tourist Information und man erklärte mir, dass ich am besten eine Station mit der U-Bahn zurückfahren und von dort aus laufen sollte.

Am Busbahnhof selbst lief dann alles wieder reibungslos. Eine Dame vom Sicherheitspersonal nahm mich direkt an die Hand und stellte mich neben einen Inder, der einzige andere westliche Tourist weit und breit, der ebenfalls zum Kloster wollte. Auf der anderthalbstündigen Busfahrt freundeten wir uns schnell an. David, so sein englischsprachiger Name, befand sich geschäftlich in Zhengzhou und war großer Fan von Kung-Fu Filmen.

Gemeinsam erkundeten wir die buddhistischen Tempel mit großen Buddha-Statuen und einigen furchteinflößenden Gestalten am Eingang zum Kloster, die sofort zum Angriff bereit waren. Wahrscheinlich übten sich die Mönche einst in Kung Fu, um sich gegen solche Gestalten zur Wehr zu setzen. Highlight des Klosters ist eine Kung Fu Show jugendlicher Mönche. David und ich bekamen recht schlechte Plätze in der hinteren Reihe, wurden aber von freundlichen Chinesen weiter nach vorne gelassen, damit wir eine bessere Sicht hätten.

Die durchtrainierten Mönche machten Saltos, zerbrachen Eisenstäbe nur mit ihren Händen und wirbelten mit Schwertern umher. Dazwischen vollführten sie noch ein paar Bewegungen, die mich an Breakdance erinnerten. Ich bin nicht sicher, wer sich da von wem etwas abgeschaut hatte. Je länger ich den Mönchen zusah, desto weniger konnte ich mir vorstellen, dass sie tiefgläubige Buddhisten waren. Sie wirkten auf mich eher wie Profi-Sportler, die eventuell auf eine Karriere als Schauspieler in Kung-Fu Filmen hinarbeiteten. Wie auch immer, David und ich waren tief beeindruckt von ihrer Flexibilität, Körperkontrolle und puren Athletik.

Dieser Mönch verbiegt die Speere, mit denen er angegriffen wird

Anschließend wollten wir zurück nach Zhengzhou fahren. Ich hatte im Internet gelesen, dass der letzte Bus von Zhengzhou zum Kloster mittags fährt. Nachdem wir im Bus insgesamt nur zu sechst waren, beschlich mich das Gefühl, dass wir nicht einfach wieder den gleichen Bus wieder zurück nehmen könnten. Wir suchten an der Stelle, wo wir ausgestiegen waren, nach dem Bus nach Hause, aber es war weit und breit nichts in Sicht, und wir waren uns auch nicht mehr ganz sicher, wo wir genau ausgestiegen waren. Wir fragten uns etwas durch und man bestätigte uns, wo der Bus normalerweise abfährt, aber nach ein paar weiteren Fragen kriegten wir schnell raus, dass der letzte Bus bereits abgefahren war.
David hatte auf einem Blog eine Beschreibung gesehen, bei der man erst nach Dengfeng, einer Stadt in der Nähe, fährt und von dort aus mit einem Linienbus nach Zhengzhou. Nur wo ist die Haltestelle für die Busse nach Dengfeng? Ein hilfsbereiter Chinese erklärte uns nicht nur wortreich, wo die Haltestelle ist, sondern begleitete uns auch direkt dorthin, um sicherzugehen, dass wir sie wirklich finden. An der Bushaltestelle hatten wir dann nochmal Glück: Ich erwähnte gegenüber der Busfahrerin, dass wir eigentlich nach Zhengzhou wollen, und in der Nähe stand ein Fahrer von einem Shared Taxi, das nach Zhengzou fuhr und noch genau zwei Plätze frei hatte. Es regnete weiterhin in Strömen und wir waren heilfroh, so komfortabel zurück zu kommen.

Ich habe in diesem Eintrag bereits mehrfach freundliche Chinesen erwähnt und ich möchte daher die Gelegenheit nutzen, um auf ihre Hilfsbereitschaft hinzuweisen. Immer wenn ich die Bushaltestelle oder einen Geldautomaten nicht finde oder mir nicht sicher bin, ob ich im richtigen Wartebereich stehe, helfen mir zuvorkommende Chinesen. Die meisten sprechen kein Englisch, aber mit Übersetzungsapps oder ein paar Wörtern können wir uns meistens gut genug austauschen. Und wenn ich nach ihrer Erklärung nicke, dass ich es verstanden habe, geben sie mir 10 Minuten später immer noch ein Zeichen, dass der Check-In von meinem Zug begonnen hätte, oder begleiten mich zu dem Geldautomaten, der Bushaltestelle oder was auch immer ich gerade suche.

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